Eddie 9V

Musik, in der man das Herz hören kann

Mit seiner leidenschaftlichen Version von klassischem Chicago Blues und Vintage-Soul mischt Eddie 9V mächtig die Roots-Szene auf. Hinter dem Künstlernamen steckt Gitarrist und Sänger Brooks Mason, der zuvor in der Alternative-Band Preachervan spielte.

TEXT: RALF DECKERT |FOTO: Charla Hevey

Bereits vor zwei Jahren gab der aus der Gegend um Atlanta stammende Mittzwanziger auf seinem LP-Debüt sehr überzeugend den Blues- und R&B-Traditionalisten. Absolut hinreißend verband der Mann mit dem eigenwilligen Künstlernamen Eddie 9V auf Little Black Flies aus der Zeit gefallenen Chicago Blues mit dem bebenden Soul eines Otis Redding — bis in die Vintage-Klangästhetik seiner live eingespielten Aufnahmen hinein.

Schon als Schüler hat er zusammen mit seinem Bruder Lane Kelly Musik gemacht. Mit 15 verließ er die High School ohne Abschluss und ging eine Weile auf eine kirchliche Schule. »Da hast du deine Noten quasi fürs Beten bekommen«, erzählt Brooks Mason. »Meine Mutter hat mich da hingeschickt, sie ist sehr religiös.«

Von den musikalischen Zukunftsplänen ihrer beiden Söhne hielt sie nicht viel. Heute, rund ein Jahrzehnt später, akzeptiere sie aber ihre Berufswahl, so der Gitarrist und Sänger aus der Nähe von Atlanta, Georgia, der mit seiner leidenschaftlichen Version von klassischem Blues und Retro-Soul gerade für reichlich Aufsehen in der Blues-Szene sorgt. »Es bleibt ihr ja eh nichts anderes übrig«, grinst er.



Ein fröhlicher Mensch ist er ohnehin. Und einer, der stets unter Strom zu stehen scheint und der auf der Bühne beinahe überkocht vor Energie. Womit schon mal der „Nachname“ 9V seines Künstlernamens erklärt wäre. »Der Vorname Eddie kam nachts im Tourbus zustande«, erinnert sich der Musiker. »Wir haben uns Gangsternamen im alten Chicago-Mobster-Stil ausgedacht, um nicht einzuschlafen bei der Fahrt. Eddie kam gut. Das klingt irgendwie nach einem Gangster aus der alten Zeit und blieb dann an mir hängen.« Der Vorteil eines so seltsamen Künstlernamens ist freilich auch, dass er den Künstler nicht gleich festlegt auf ein Genre. Denn davon hat Eddie 9V seit seinen Teenagerjahren schon einige abgeklappert.

»Als ich in der 6. Klasse war, haben wir Thrash Metal gespielt, und ich war der Drummer! Wir hatten halblange Haare, die uns beim Spielen immer in die Augen gefallen sind. Unsere Gage war sechs Dollar! Von da ging es mit Folk weiter. Wir haben schon alles Mögliche gespielt und ausprobiert.« Seine ersten Erfahrungen als Sänger machte er mit Chuck Berry- und Elvis-Covers. »Ich mag den alten Kram. Daheim haben wir durch unseren Dad die Musik von AC/DC und klassische Rockbands kennengelernt, sozusagen als ersten musikalischen Einfluss.« Den Rest besorgte dann das Internet: »Ich habe viel bei YouTube recherchiert. Ich würde mal sagen, dass ich 90 Prozent meiner Einflüsse wie Paul Butterfield oder Ry Cooder, den ich sehr verehre, dort entdeckt habe.«



Er liebe den Blues, sagt Eddie 9V. Aber er wolle musikalisch nicht allein darauf festgelegt sein. Zuletzt habe er sich mehr und mehr in Richtung Retro-Soul entwickelt. »Die Konstante bei allem ist eigentlich nur, dass immer mein Bruder am Bass dabei ist. Er ist so der Typ, der sich wohlfühlt im Hintergrund mit Sonnenbrille.« Außerdem ist er der Co-Autor und Produzent und somit maßgeblich beteiligt am Gesamtkunstwerk Eddie 9V, seinen Songs und dem zunehmenden Erfolg.

»Wir hatten diese Alternative-Band namens Preachervan, mit der wir einen gewissen Erfolg und eine Million Klicks bei Spotify hatten«, erinnert sich der Musiker. »Aber dann kam ich auf die Idee, alles mehr in Richtung Blues zu verschieben. Weil das eben die Musik ist, in der man das Herz hören kann. Egal, ob du weiß oder schwarz bist, es hat dieses Feeling. Bei anderen Genres hat mir das gefehlt. Vor drei, vier Jahren wurde in mir der Wunsch immer stärker, auch Blues aufzunehmen. Aber es hat etwas gedauert und war zunächst nur ein Nebenprojekt zu Preachervan.«

Jeder habe ihm davon abgeraten, sich auf eine mehr oder minder brotlose Kunst wie den Blues zu verlegen. »Aber heute verdienen wir schon dreimal so viel wie damals mit Preachervan«, freut sich Eddie 9V über seinen doch recht steilen Start, an dem auch sein deutsches Label entscheidend beteiligt ist. »Es gibt in meinen Augen eigentlich nur zwei Firmen für Blues, mit denen du es schaffen kannst: Alligator hier in den USA und Ruf in Deutschland«, sagt Eddie 9V, glücklich darüber, dass nach Little Black Flies mit Capricorn nun schon seine zweite von bisher drei Studio-Platten dort erscheint.



Um die Aufmerksamkeit der Platzhirsche Bruce Iglauer (Alligator) und Thomas Ruf (Ruf Records) ringen viele Musiker im Blues-Genre. Eddie 9V ließ sich davon nicht abschrecken. Nach seinem ersten Album I Left My Heart In Memphis, das er in Eigenregie auf dem Grundstück seiner Großeltern in einem Wohnwagen eingespielt und zu Beginn der Corona-Pandemie veröffentlicht hatte, setzte er sich im Haus seiner Großeltern an die Schreibmaschine und schrieb den beiden Label-Bossen.

Iglauer meinte, dass Eddie 9V nicht in sein Portfolio passe, und Ruf fand den Brief mit der Schreibmaschine so außergewöhnlich, dass er sich auf den Weg machte, um Eddie 9V in Atlanta im legendären Club Blind Willie’s live zu erleben. »Thomas schlug vor, dass wir als Brooks Mason Blues Band bei ihm unterschreiben sollten«, blickt Eddie zurück. »Aber ich wollte keine Musikrichtung im Bandnamen stehen haben.«



Dass Soul und Blues in seinen Fingern stecken, kann er gleichwohl nicht verleugnen. »Es ist Musik mit Herz und Seele.« Das habe auch seine Spielweise und Sound-Vorstellungen total verändert: »Bevor ich eine Platte mache und ins Studio gehe, habe ich schon eine genaue Idee davon, wie die Sache hinterher klingen soll. Ich hatte früher diese ganzen Effektgeräte vor mir auf dem Boden liegen. Die habe ich alle aussortiert. Ich stehe mittlerweile auf Einfachheit. Aber Gesang, Melodie und Harmonien sind natürlich auch entscheidend.«

Dass er damit seinen Vorbildern wie Ry Cooder, Mike Bloomfield (»Er war mein erster Held!«) und Freddie King näherkommt, ist ihm gerade recht. »Es gibt so viele großartige Gitarristen, und ich bin dankbar, dass man sie bei YouTube heute so leicht für sich entdecken kann. Lightning Hopkins zum Beispiel, der ganze Texas und Chicago Blues, es hört einfach nie auf!« Seine Freunde hätten früher große Partys gefeiert, während er daheim alte Grateful Dead-Konzerte im Netz angeschaut habe. Nun fehlt nur noch eine Deutschland-Tour. »Die will ich auch machen, aber ich will die ganze Eddie 9V-Band zu euch bringen und nicht mit einer Tour-Band arbeiten.«


Dieser Text stammt aus ROCKS Nr. 93 (02/2023).

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