Als Roger Nilsson 1993 zu The Quill stößt, ist der Bassist gerade mal zwanzig Jahre alt. Die Band war zu dieser Zeit schon eine Weile in wechselnder Besetzung durch schwedische Clubs getingelt, ohne den entscheidenden Schritt voranzukommen. Bassist Peter Holm schmeißt daher desillusioniert die Flinte ins Korn und macht Platz für Nilsson. Der nimmt die Chance nur allzu gerne wahr, seiner musikalischen Leidenschaft mit Gleichgesinnten freien Lauf zu lassen.
»Ich hatte in meinen Teenager-Jahren nach und nach den reichhaltigen Black Sabbath-Fundus für mich entdeckt und war froh, auf drei Menschen mit dem gleichen Musikgeschmack zu stoßen«, blickt der 52-jährige Musiker zurück. »Wir alle standen total auf Tony Iommis Band und liebten den Hardrock der Siebziger in all seinen Ausprägungen. Daran hat sich nie etwas geändert. Auch nicht auf Master Of The Skies.«
Die Spiritual Beggars, Black Sabbath, Uriah Heep, Robin Trower und Trouble waren stets Paten ihres Sounds, der sie speziell auf ihren ersten drei LPs The Quill (1999), Silver Haze (1999) und Voodoo Caravan (2002) so unwiderstehlich machte. Aktuell verstehen es die Schweden sogar noch besser, mit den Vorgaben der Altvorderen des Genres versiert umzugehen. Ihr elftes Album fällt trotz seiner klaren Stilverortung facettenreicher aus als seine Vorgänger und erinnert ein ums andere Mal an das Schaffen der kurzlebigen Orchid aus San Francisco. Auf dieses Resultat haben Roger Nilsson, Sänger Magnus Ekwall, Gitarrist Cristian Carlsson und Schlagzeuger Jolle Atlagic beim Komponieren ihrer neuen Stücke ganz bewusst hingearbeitet.
»Uns ging es vorrangig um eine klar herausgestellte Dynamik. Die wird heute oftmals vernachlässigt, aber viele Platten aus den siebziger Jahren erstrahlen erst durch ein gut ausbalanciertes Miteinander von Laut und Leise in vollem Glanz. Etliche Bands, die einen ähnlichen Kurs wie wir einschlagen, sehen ausschließlich die Härte der frühen Sabbath-Inkarnation, den donnernden Iommi-Riff. Aber da ist so viel mehr im Spiel. Black Sabbath waren in ihren Anfängen eine zwischen jazzigem Blues und erbarmungslosem Heavy Rock umherschlingernde Truppe, die sich stilistisch viel traute. Das imponiert uns, daran wollten wir Master Of The Skies noch deutlicher ausrichten als unsere letzten Alben«, erläutert Roger Nilsson.
»Dass der Titelsong nicht anklopft, sondern sinnbildlich mit der Tür ins Haus fällt, ist eine Sache. Dass im weiteren Verlauf der Platte mit ›You Can Not Kill My Soul‹ und ›Son Of Light‹ aber auch Stücke stehen, die mit psychedelischen Elementen und Akustik-Passagen aufwarten und sich ein bisschen Richtung Led Zeppelin strecken, nährt den Unterhaltungswert. Master Of The Skies ist ein kontrolliertes Auf und Ab, ein Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit.« Dazu eines, das nicht zuletzt durch den Arbeitseifer von Produzent Erik Nilsson warm und organisch klingt. Die Verbindung zwischen der Band und dem Mischpult-Experten funktioniert seit dem vor neun Jahren veröffentlichten Born From Fire prächtig.
»Wir haben erneut im Studio 491 in Oskarshamn aufgenommen«, berichtet Nilsson. »Ein kleines, aber feines Studio, das zu einem Kreativ-Zentrum gehört, in dem auch eine Shirt-Druckerei und diverse andere Firmen aus dem künstlerischen Bereich untergebracht sind. Jolle, unser Schlagzeuger, wohnt mittlerweile in Stockholm, rund vier Autostunden von unserer Gemeinde entfernt, was die Vorbereitungen etwas erschwerte. Aber wir haben uns im Vorfeld des Studiotermins so oft wie möglich im Proberaum getroffen, um die Stücke sattelfest zu bekommen. So war es für Erik Nilsson leichter, sich vollkommen auf den Sound zu konzentrieren und uns bei der Auswahl der passenden Instrumente zu unterstützen. An den Stücken selbst haben wir in dieser Phase kaum noch etwas verändert. Erik hat unseren Ansatz für Master Of The Skies sehr gut gedeutet und uns noch näher an eine im Studio erzeugte Live-Atmosphäre herangeführt. Mit dem Ergebnis sind wir sind rundum glücklich!«
Dass sich dieses Gefühl bei Roger Nilsson nicht zwangsläufig mit jedem Album seiner Band einstellt, gibt er unumwunden zu. Das ursprünglich aus dem Jahr 2006 stammende und kürzlich wiederveröffentlichte In Triumph gehört beispielsweise nicht zu den Favoriten des zweifachen Familienvaters.
»Das ist keineswegs der Tatsache geschuldet, dass ich damals aus familiären Gründen nicht mehr zur Band gehörte und dementsprechend nicht auf dem Album zu hören bin. Einige der auf In Triumph enthaltenen Stücke sind noch mit meiner Mitwirkung entstanden, ich bin also mitschuldig an meinem heutigen Empfinden gegenüber der Platte«, grinst er leicht schelmisch. »Wir sind alle vier der Meinung, dass In Triumph zu glatt, zu kantenlos klingt. Darum landet auch äußerst selten mal eine Nummer von dem Album in unserem Konzertprogramm.«
Auch mit Tiger Blood, das 2013 seine Rückkehr zu The Quill markierte, ist Nilsson, der ab 2002 für drei Jahre bei den Spiritual Beggars den Bass zupfte, heute nicht mehr vollauf zufrieden. »Die Produktion gefällt mir nicht mehr. Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, Tiger Blood neu zu mischen. Letztlich bin ich jedoch von dem Vorhaben abgekommen, weil jedes Album einfach ein Schnappschuss der Zeit ist, in der es entstand. Platten sind wie Fotoalben eines Musikerlebens.«
Master Of The Skies allerdings bedeutet dem Musiker mehr als eine Momentaufnahme. Roger Nilsson zeigt sich nicht nur vom Inhalt der neuen Scheibe begeistert, auch das Artwork ist ganz nach seinem Geschmack. »In Sebastian Jerke haben wir vor geraumer Zeit einen Bruder im Geiste gefunden. Seit Born From Fire entwirft er wunderbare Platten-Cover für uns.« Der Künstler aus dem westfälischen Münster ist bekannt für seine detailreichen Gemälde, die er über die Jahre hinweg für Bands wie The Vintage Caravan, Motorjesus und Ahab oder auch das Freak Valley-Festival angefertigt hat.
»Wir wurden vor rund zehn Jahren durch ein Album unserer Landsleute Greenleaf auf Sebastian aufmerksam. Seitdem vertrauen wir ihm die Verpackung unserer Musik an. Wie üblich hat ihm Magnus auch die Texte von Master Of The Skies zukommen lassen, woraufhin Sebastian uns großartige Vorschläge unterbreitete. Das mehrheitlich in Grüntönen gehaltene Cover ziert nun ein Steuermann, der seinen Dämonen entkommen und in eine bessere Zukunft verschwinden will. Ein Aufbruch in vermeintlich sonnigere Zeiten, die sich schon in der Brille des Kapitäns spiegeln — es lebe die Hoffnung!«
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