Vor 50 Jahren tauchte eine schwerst tätowierte Straßengang auf den Pub- und Clubbühnen Australiens auf, die bis heute ihresgleichen sucht. Angeführt wurden sie von dem lediglich 1,56 Meter großen Glatzkopf Angry Anderson, der schwitzend und wild gestikulierend über die Bühne tobte und sich gelegentlich mit dem eigenen Mikrokabel strangulierte. Ihr sturer Rock’n’Roll ist überaus angriffslustig und bei aller unüberhörbaren Blues-Verbundenheit mit einer ziemlich rüden Punk-Attitüde ausgestattet, die sich merklich von den anderen Bands der australischen Hardrock-Szene abhebt, die sich seinerzeit in Stellung brachten — AC/DC und The Angels sind nur zwei davon.
Geboren wurde der Sänger 1947 in Melbourne. Dort beginnt er nach einer Ausbildung zum Schlosser Anfang der siebziger Jahre, in Bands zu spielen — etwa bei Buster Brown, bei denen zu Beginn auch der spätere AC/DC-Schlagzeuger Phil Rudd spielt, mit denen er Something To Say (1975) einspielt. Im November des gleichen Jahres löste sich die Band auf und Anderson zog nach Sydney, wo er Tony Lake bei den gerade von Gitarrist Pete Wells gegründeten Rose Tattoo ersetzte.
Aus der Kombination von Wells' Slide-Gitarrenspiel und Andersons raubeinigem Gesang entsteht der einzigartige Sound der Riff- und Blues-Rocker. Sie sind gewissermaßen das Gossen-Pendant zu AC/DC, zu denen sie ein freundschaftliches Verhältnis pflegten: Die Band der Young-Brüder legten bei ihrer Plattenfirma Albert Productions ein gutes Wort für sie ein — 1978 veröffentlichte das Label ihr von Harry Vanda und George Young produziertes Debüt. Und auch die drei folgenden Werke Assault & Battery (1981), Scarred For Life (1982) und Southern Stars (1984).
Bei letztgenanntem Werk war der kahlköpfige Frontmann bereits das letzte verbliebene Mitglied der Debüt-Besetzung: Wells hatte Rose Tattoo 1983 verlassen. Vier Jahre und ein Album (Beats From A Single Drum, 1986) später löst sich die Band auf. Für eine kurzzeitige Neugründung sorgten 1993 kalifornische Tatts-Superfans: Laut Anderson machen es Guns N' Roses sogar zur Bedingung für den Australien-Abschnitt der Use Your Illusion-Tour, das Rose Tattoo als Anheizer fungieren. Dauerhaft wieder aktiv wurde die Formation indes erst fünf Jahre später wieder — fortan waren sie bis zuletzt regelmäßig auf Tour und fügten ihrer Diskografie die drei Alben Pain (2002), Blood Brothers (2007) und Outlaws (2020) hinzu.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das öffentliche Bild von Gary Anderson grundlegend geändert: Aus dem gefährlichen Rocksänger war eine respektierte Medienpersönlichkeit geworden, die sich auch als Schauspieler (Mad Max - Jenseits der Donnerkuppel, 1985) und Musical-Darsteller (Jesus Christ Superstar, 1992) betätigte und 1993 in den Order Of Australia aufgenommen wurde. Und die sich für wohltätige Zwecke sowie im neuen Jahrtausend auch politisch für die konservative National Party engagierte.
2026 sollte die Geschichte von Rose Tattoo mit einem letzten großen Hurra enden: Eine letzte Europa-Tour im Sommer, die finalen Konzerte dann zum Jahresende in Australien. Dazu wird es nun nicht mehr kommen: Nach ihrem Konzert am 7. August in Köln erlitt er einen Herz-Stillstand; Am 21. September starb der Vater von vier Kindern im Kreise seiner Familie in Australien. Gary „Angry“ Anderson wurde 79 Jahre alt.








