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Elegant Weapons

Charaktererforschung im Kollektiv

Richie Faulkner ist als Gitarrist von Judas Priest nicht ausgelastet: Elegant Weapons sind seine Zweitband. Der Titel ihres zweiten Albums Evolution ist Programm: Der Brite genießt es, im Spannungsfeld von blueswarmem Hardrock und traditionellen Heavy Metal den Bandsound immer weiter zu verfeinern.

TEXT: MAXIMILIAN BLOM |FOTO: Jeremiah Scott

Eigentlich sollte es nur ein Engagement für eine ausgedehnte Abschiedstour sein. »Sie haben mich offensichtlich angelogen«, lacht Richie Faulkner — 15 Jahre nachdem er als Nachfolger von K.K. Downing als Gitarrist von Judas Priest vorgestellt wurde. In dieser Zeit entstanden drei Alben; ein viertes ist aktuell in Arbeit. »Wir haben im Februar die Grundlagen für die nächste Platte erarbeitet, ganz hier in der Nähe meines Wohnortes in Nashville. Und im Sommer gehen wir wieder auf Tour. Priest sind also aktiv wie eh und je, und die Welt ist dadurch ein besserer Ort. Als ich damals zur Band stieß, meinte Glenn Tipton zu mir, dass es vermutlich keine Aufgabe für die nächsten zwanzig Jahre sein wird. Mit ein bisschen Glück hat er Unrecht!«

Ganz darauf verlassen will sich der 46-Jährige aber offensichtlich nicht: 2021 hob er, gewissermaßen als zweites Standbein, Elegant Weapons aus der Taufe. Alleine schrieb er das Material für den Einstand Horns For A Halo, dessen latent metallische Schlagseite sicherlich auch durch seine intensive Beschäftigung mit dem Repertoire seines Hauptbrötchengebers zusammenhängt. Sänger Ronnie Romero stieß erst kurz vor den Aufnahmen hinzu, ebenso Bassist Rex Brown (Pantera) und Faulkners Bandkollege Scott Travis am Schlagzeug. Travis orientierte sich an den Demoaufnahmen von Christopher Williams (Accept), der in Faulkners Nähe wohnt und auf der folgenden Rundreise ebenso zum festen Bandmitglied wurde wie Bassist Dave Rimmer (Uriah Heep).



»Wegen des Lockdowns konnte Scott damals nicht ins Studio kommen, ich wollte den Stein aber ins Rollen bringen. Deswegen habe ich Christopher hinzugeholt. Zunächst nur für die Demos, später auch für die Tour. Da sind wir alle dann zu einer richtigen musikalischen Einheit verschmolzen. Das macht sich auf Evolution bemerkbar, finde ich. Auch wenn ich wieder alle Songs allein geschrieben habe, ist die Platte mit deutlich mehr Zusammenarbeit entstanden. Für die Aufnahmen der Rhythmusgruppe waren Dave, Christopher und ich in einem Raum; für den Gesang haben sich Ronnie, unser Co-Produzent Andy Sneap und ich per Zoom zusammengeschaltet und diesen von Grund auf erarbeitet. Deswegen würde ich auch sagen, dass Evolution mehr Ronnie Romero enthält als Horns For A Halo.«



Die technischen Abläufe und das durch die ersten gemeinsamen Auftritte gefundene Bandgefühl sind ein Grund für die musikalische Entwicklung, die Elegant Weapons auf ihrem Zweitwerk zur Schau stellen. Ein anderer, vielleicht sogar der wichtigere, ist Faulkners ungebrochener Entdeckungsdrang hinsichtlich des Bandsounds. Anders als bei Judas Priest gibt es noch keine große Erwartungshaltung; außerdem genießt er es auszuloten, was mit seinen Mitmusikern möglich ist. So wartet Evolution mit einer größeren musikalischen Bandbreite auf; metallische Geschmacksnoten scheinen am deutlichsten in ›Shooting Shadows‹ durch, während ›Thrown To The Wolves‹ fauchender Orgel-Hardrock ist und ›Holy Roller‹ beinahe doomig daherkommt.

Bemerkenswert sind auch das siebenminütige Abschluss-Epos ›Keeper Of The Keys‹ und das Instrumental ›Rupture‹, für das sich Faulkner von seinem eigenen Schicksal inspirieren ließ: Bei einem Auftritt mit Judas Priest am 26. September 2021 riss seine Aorta; eine über zehnstündige Notoperation am offenen Herzen rettete ihm das Leben. Anders als in der Realität endet das Stück mit dem Ton einer Nulllinie, der als Übergang zu ›Mercy Of The Fallen‹ dient.



Für Evolution lud Faulkner außerdem den Bluesrocker Jared James Nichols und Keyboarder Adam Wakeman als Gastmusiker ein — der Sohn des früheren Yes-Tastenzauberers Rick Wakeman hat sich seine Sporen etwa als Begleitmusiker von Ozzy Osbourne verdient. »Das Tolle an einer neuen Band ist, dass man den Charakter noch erforschen und gestalten kann«, erzählt Faulkner begeistert. »Es gibt bluesigere Momente ebenso wie Metal-Referenzen auf diesem Album, und wir freuen uns darüber! Wir müssen uns nicht limitieren. So kamen auch Jared und Adam dazu. Jared ist ein guter Freund und wohnt nicht weit von mir entfernt. Die Idee zur Zusammenarbeit kam an einem Abend in der Kneipe. Ich hatte vorher an ›Thrown To The Wolves‹ gearbeitet, dessen bluesige Atmosphäre einfach gut zu Jareds Stil passt. Also habe ich ihn gefragt, ob er Lust hätte, ein Solo beizusteuern. Was Adam angeht, hatte ich die Idee, ein paar richtige Keyboard- und Orgelspuren einzubauen, und Dave hat ihn vorgeschlagen. Ich finde, ihre Beiträge erweitern unseren Klangkosmos noch stärker. Und sie setzen bei mir wiederum Überlegungen in Gang, was der nächste Schritt für die Band sein könnte: Ergibt es vielleicht sogar Sinn, einen weiteren Musiker fest zu verpflichten, der sowohl Gitarre als auch Keyboard beherrscht?«



Ob seiner Offenheit für Gastbeiträge ist es beinahe verwunderlich, dass es noch nicht zu einer naheliegenden Kollaboration aus dem direkten familiären Umfeld gekommen ist. Verheiratet ist Faulkner nämlich mit Mariah, Tochter von Gitarrenvirtuose George Lynch. Vor allem, weil der Gitarrensound auf Evolution jenem von Lynch popularisierten nicht gänzlich unähnlich ist.

»George und seine Altersgenossen haben natürlich die Vorstellung meiner Generation geprägt, was einen guten Gitarrenton angeht. Außerdem nutzen wir alle ja noch immer ähnliche Verstärker wie die damaligen Helden. Wenn George bei uns zu Besuch ist, vergehen keine fünf Minuten, bevor wir uns nur noch über unsere Lieblingsgitarristen wie Michael Schenker oder Ritchie Blackmore unterhalten. Aber es ist nicht so, dass ich ihm meine Ideen vorspiele. Lustigerweise ist es eher anders herum: Manchmal schickt er mir eine Idee und fragt mich, ob sie nicht zu sehr nach Judas Priest klingt — er ist nämlich ein großer Fan der Band. Ich werde auch immer mal wieder gefragt, warum wir noch nichts gemeinsam aufgenommen haben. Ich weiß gar nicht, ob er daran interessiert wäre. Sollte es aber passieren, würde es wahrscheinlich in eine solche Richtung gehen.«


Mehr zu Elegant Weapons gibt es in ►ROCKS Nr. 113 (04/2026) (auch ►digital erhältlich!)


Die Titelliste von Evolution:

01. Evil Eyes
02. Generation Me
03. Bridges Burn
04. Holy Roller
05. Come Back To Me
06. The Devil Calls
07. Thrown To The Wolves
08. Shooting Shadows
09. Rupture
10. Mercy Of The Fallen
11. Keeper Of The Keys 

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