Jack Douglas ist für die jungen Aerosmith das, was zwei Jahre zuvor Bob Ezrin für Alice Cooper gewesen war: Erst als sich Douglas der Band als Produzent annahm und ab dem zweiten Album Get Your Wings (1974) intensiv mit ihr zusammenarbeitete, fanden Aerosmith die Richtung — und damit den Erfolg.
Auch Toys In The Attic (1975), Rocks (1976) und Draw The Line (1977) entstanden in den Siebzigern unter seiner Obhut. Ein letztes Mal arbeitete Jack Douglas 2011 mit Aerosmith zusammen: Das im Folgejahr erschienene Music From Another Dimension! ist das bislang letzte Album der Hardrocker geblieben.
Geboren wird Jack Douglas im November 1945 im New Yorker Stadtteil Bronx, einem sehr harten Viertel. Der Vater arbeitet in einem Güterbahnhof, die Mutter ist Hausfrau. »Bei uns gab es sehr viel, was vom Lkw gefallen war, wie wir es nannten.« Mit fünf Jahren bekommt der kleine Jack von seinem Vater ein „gefundenes“ Aufnahmegerät geschenkt. Der Bub mag vor allem Filmmusik, aber er kreiert auch schon eigene Sounds, indem er das Mikro in den Staubsauger steckt. Als der Vater fragt, was denn da zu hören sei, erklärt der Dreikäsehoch stolz: »Das ist Musik!«
Der verzweifelte Vater, ein Opern-Liebhaber, „besorgt“ ihm daraufhin eine Akustikgitarre und ein Buch mit Akkorden. Die Mutter weist ihn ein in die Welt des Blues. Er hört viele schwarze Künstler wie Ray Charles, der damals noch am Anfang seiner Karriere steht. Kurz vor der Pubertät entdeckt Douglas einen anderen Newcomer namens Elvis Presley. »Für mich war die Musik von Elvis nichts Revolutionäres, aber dass auch ein Weißer so singen konnte, war neu und aufregend.«
Die Kennedy-Connection
An sein erstes Konzert kann er sich nicht erinnern, aber 1964 sieht er die Beatles im Shea-Stadion und ist begeistert. Im selben Jahr steht er selbst auf der Bühne des Madison Square Garden, weil er an der Musik für die Präsidentschaftskampagne von Lyndon B. Johnson beteiligt ist, dem Nachfolger des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy.
Für dessen Bruder Robert arbeitet Douglas schon seit 1960. Kennedy entdeckte den jungen Folksänger im Young Democrats Club im East Village. »Ich war ein lupenreiner Beatnik und hab meine eigenen Songs geschrieben.« Die gefallen dem jungen Politiker so gut, dass er ihn vom Fleck weg engagiert. Douglas ist 1964 auch Teil des Teams, mit dem Robert Kennedy die Wahl zum Senator für den Staat New York gewinnt.
Die Kennedy-Connection ist im Prinzip die Grundlage für die komplette Karriere von Jack Douglas als Profimusiker und Produzent. »Robert Kennedy verdanke ich sehr viel. Obwohl ich erst fünfzehn war, hat er mich wie einen Erwachsenen behandelt. Ich war allerdings schon damals sehr groß, vielleicht hat er mich deswegen für älter gehalten.«
Ein weiteres einschneidendes Erlebnis ist eine Überfahrt 1965 nach Liverpool mit seinem Bandkollegen Edward „Eddie“ Leonetti auf einem Trampdampfer, einem Frachtschiff ohne feste Route. Aber er hat nicht die nötigen Einreisepapiere und darf nicht an Land. Er büxt aus, und eine kleine Odyssee beginnt. Rubber Soul von den Beatles kauft er am Erscheinungstag.
Um nicht für seine Flucht belangt zu werden, erzählt er seine Geschichte einer Liverpooler Tageszeitung und kommt sogar auf die Titelseite. Durch die Sympathien der Öffentlichkeit erhalten er und Eddie ein Studentenvisum für England. Sie dürfen aber nicht als Band auftreten, machen es trotzdem und werden nach ein paar Wochen doch noch des Landes verwiesen.
The Who sparen Steuern
Jack Douglas spielt einige Zeit in Chuck Berrys Combo und tourt die nächsten vier, fünf Jahre durch Nordamerika. Sein letztes Projekt als Künstler sind 1969 Privilege mit einem an Led Zeppelins Debüt angelegten Sound. Eddie ist ebenfalls dabei. Produzenten sind die Isley Brothers, auf deren Label T-Neck die Scheibe erscheint. Mit dem ursprünglichen Mix ist die Band nicht zufrieden. »Die Isleys kamen eher aus dem R&B, sie hatten keine Ahnung, wie man eine Rockband mischt, drum habe ich das übernommen«, sagt Douglas.
Das gefällt ihm so gut, dass er die Gruppe verlässt. Auf eine Anzeige in der Wochenzeitung Village Voice hin besucht er das neugegründete Institute of Audio Research und schließt dort als einer der ersten Studenten ab. Gleichzeitig arbeitet er als Hausmeister im berühmten New Yorker Record Plant Studio. Dank des Studiums bleibt es nicht lange bei diesem Job: Er ist so »enthusiastisch und besessen von der Technik«, dass er schnell in der Studio-Hierarchie aufsteigt.
Erste Produktionen mit Mountain beispielsweise führen dazu, dass er im März 1971 mit den Who Material aufnehmen darf, aus dem später Who’s Next entsteht. »Einige der Grundspuren sind auch auf der Platte. Es stimmt nicht, dass alles wieder gelöscht wurde.« Warum diese Fehlinformation kursiert, weiß er nicht, und eigentlich darf er auch nicht darüber reden.
Die Who sind damals aus Steuergründen im Big Apple. Sie wollen unbedingt mit dem Chief Engineer des Record Plant zusammenarbeiten, aber ebendieser Jack Adams kommt aus dem Jazz und hat mit Rock nicht viel am Hut. Weil Adams private Probleme hat und nicht immer zur Arbeit erscheint, übernimmt Douglas einige Male und freundet sich mit der englischen Combo an. Besonders Drummer Keith Moon hat es ihm angetan: »Der Typ war komplett verrückt! Er hat oft nackt getrommelt. Das war eine wilde Zeit, mit vielen Drogen. Jeder im Business war ziemlich durch den Wind.«
Große Wäsche mit Lennon
Das Who-Engagement führt dazu, dass er als Editing Engineer die Songs für John Lennons Imagine überarbeiten darf. Die erste Begegnung mit dem Ex-Beatle hat Douglas noch ganz genau in Erinnerung: »Eines Tages kam John in mein Arbeitszimmer, um dem ganzen Theater zu entkommen. Er hat sich auf eine Couch am anderen Ende des Raums gesetzt; ich konnte nur seine Turnschuhe und seine Zigarette sehen. Um das Eis zu brechen, habe ich die Fahrt nach Liverpool erwähnt, wo wir des Landes verwiesen wurden. Er fing an zu lachen und fragte, ob ich einer dieser beiden verrückten Yankees sei, die auf den Titelblättern der Liverpooler Zeitungen zu sehen waren. Er ist fast ausgeflippt, weil er die Geschichte so cool fand. Danach hat er mich in den Aufnahmeraum eingeladen, dann in sein Haus in der Bank Street: Ob ich Yoko kennenlernen wolle?«
Lennon und Douglas werden schnell Freunde, weil sie beide auf derselben Wellenlänge liegen. Der Ami arbeitet später viel mit dem Ex-Beatle, auch mit Yoko Ono (1981 erhält er für Double Fantasy einen Grammy). Er erinnert sich gern an die Zeit mit dem Liverpooler, auch wenn es erst nach 1975 möglich war, sich mit ihm frei in der Stadt zu bewegen, ohne von Autogrammjägern und Touristen behelligt zu werden.
Der ganze Rummel um die Beatles-Trennung und den Umzug in die USA habe sich erst legen müssen, meint Douglas. In New York sei es eh kaum ein Problem, speziell in der Upper East Side, wo Lennon und Ono lebten, seien die Anwohner an Prominente im täglichen Straßenbild gewöhnt. New York behandelt seine Weltstars wie normale Bürger.
»Wir konnten in Restaurants gehen, in den Waschsalon oder in die Drogerie. Bis auf Touristen aus Europa hat uns niemand angesprochen.« Aber auch diesen gibt Lennon bereitwillig Autogramme und lässt Fotos mit sich machen. Diese Leichtfertigkeit — einen Leibwächter lehnt Lennon immer wieder ab — wird ihm am 8. Dezember 1980 zum Verhängnis: Der geistig verwirrte Mark David Chapman erschießt ihn vor dem Apartment-Gebäude The Dakota mit vier Kugeln in den Rücken. Nur sechs Stunden vorher hat sich Chapman noch Double Fantasy von Lennon signieren lassen.
Jack Douglas’ Stimme wird brüchig, wenn er davon erzählt, denn er ist einer der Letzten, der Lennon lebend sieht. Als sie sich nach der Studioarbeit für den nächsten Morgen verabreden, fahren sie nicht wie sonst gemeinsam im Taxi nach Hause, weil Douglas noch für eine weitere Session gebucht ist: »Wir haben uns am Fahrstuhl zum letzten Mal gesehen. Ich habe zu ihm gesagt, dass wir uns zum Frühstück sehen, er hat mir mit einem breiten Grinsen gute Nacht gewünscht. Ich bin wieder zurück zur Arbeit und erhielt ungefähr zwanzig Minuten später den Anruf, dass er erschossen wurde.«
Alte Säcke unter sich
Im Laufe seiner Aerosmith-Jahre hat Jack Douglas genügend Kontakte geknüpft. Patti Smith, Cheap Trick und John Lennon sind keine schlechten Referenzen. Doch in den Achtzigern verschwindet er für einige Jahre im Drogensumpf (»Lennons Tod habe ich nicht richtig verarbeitet«). Eigentlich soll er 1987 das Debüt Appetite For Destruction von Guns N’ Roses produzieren, aber die Plattenfirma rät davon ab: Das sei keine gute Kombination. Stimmt, denn es ist ein offenes Geheimnis, dass er sich vollpumpt mit Stoff. »Sieben Jahre lang habe ich nichts gemacht außer versucht, mich umzubringen. Zum Glück ist es mir nicht gelungen.«
Der vierfache Familienvater lebt heute am Hudson River außerhalb der Stadt und ist seit zwanzig Jahren drogenfrei. Neben seiner Produzententätigkeit und seinen Filmsoundtrack-Ambitionen verdingt sich Douglas seit zehn Jahren als Dozent an einer technischen Hochschule in San Francisco, dem Expression College For Digital Arts, wo er Studenten in Workshops die Psychologie des Produzierens beibringt.
»Wenn sie am Ende des Studiums denken, sie können schon alles, dann kommen sie zu mir. Ich muss ihnen dann nur erzählen, wie es mit Aerosmith war, dann geht ihnen langsam ein Licht auf: dass es beim Produzieren nicht nur auf die technische Seite ankommt, sondern dass man auch menschlich auf der Höhe sein muss.« Douglas hat nur noch einen Wunsch: Er möchte einmal seine Erfahrungen mit den Rolling Stones teilen.
Für die Arbeit seiner einstigen Zöglinge mit Bruce Fairbairn (bei Permanent Vacation, Pump und Get A Grip) hat er nur lobende Worte übrig. Zusammen kommen Aerosmith und Douglas erst wieder 2004 für das Blues- und Cover-Album Honkin’ On Bobo. Ein Riesenspaß, meint er. Theater im Studio und hinterher im Restaurant großes Gelächter. So müsse es sein. Alte Säcke unter sich. Und vor allem: nüchtern. Er freue sich diebisch auf die Produktion der nächsten Platte: 35 Jahre nach Rocks gehen Aerosmith in derselben Besetzung erneut mit Jack Douglas ins Studio, die Aufnahmen beginnen am 5. Juli 2011.
Dieser Text stammt aus unserem großen Titelspecial über Aerosmith in ►ROCKS Nr. 23 (04/2011).







