Psychotic Waltz

The God-Shaped Void

Inside Out
VÖ: 2020

Den Zauber weiterentwickelt

Eine Dekade haben Psychotic Waltz benötigt, um ihre Wiedervereinigung mit einem neuen Album zu krönen. Vieles hat sich in den 24 Jahren seit ihrer bis dato letzten Scheibe Bleeding verändert, nicht zuletzt das Leben eines jeden Musikers wie auch das ihrer Anhänger, die in den frühen Neunzigern bei magischen Konzerten ihrer Leidenschaft für diese so einzigartig klingende Band aus dem kalifornischen El Cajon Ausdruck verliehen. Dieses lange angekündigte Album bündelt die Hoffnung auf ein neues Meisterwerk und dient als Projektionsfläche für nostalgische Erinnerungen — eine immense Erwartungshaltung, die kaum zu erfüllen ist.

Doch der Gründungsbesetzung von Psychotic Waltz gelingt es auf faszinierende Weise, trotz ihrer zwischenzeitlichen Weiterentwicklung sofort vertraut zu klingen, sodass ihre aktuelle Musik zur heutigen Lebenswirklichkeit vieler Fans von einst passt. So sehr A Social Grace auch nach drei Jahrzehnten noch jeden berührt, der in jungen Jahren in den Bann dieses Albums gezogen wurde: Neues Material von gleicher Komplexität würde sich zwar auf dem Papier gut machen, aber wohl kaum die gleiche Faszination ausüben wie damals. Gut, dass sich die Musiker deshalb darauf konzentriert haben, jene mystisch-verträumte Stimmung zu bewahren, die etwa ›The Fallen‹ oder ›In The Silence‹ sofort den typischen Stempel aufdrücken, obwohl sie deutlich direkter zu Werke gehen als in der Vergangenheit.

Devon Graves mag einen anderen Namen tragen und nicht mehr wie einst als Buddy Lackey mit Inbrunst die Tonleitern in alle Richtungen besteigen — seine einmalige Klangfarbe weiß er immer noch perfekt einzusetzen. Der Sänger beschwört den Hörer schon bei ›Devils And Angels‹ und ›Stranded‹, meistert auch eine harte Nummer wie ›Back To Black‹ mit Bravour und ist beim von Akustikgitarren und Querflöte geprägten ›Demystified‹ mit einer emotional eindringlichen Darbietung komplett in seinem Element. Gepaart mit den außergewöhnlichen Gitarrenharmonien, die Dan Rock und Brian McAlpin ihren Instrumenten entlocken (›While The Spiders Spin‹!), entsteht so genau jener Zauber, den Psychotic Waltz besonders auf A Social Grace (1990) und Into The Everflow (1992) erschaffen konnten. Kein Abziehbild, keine verkopfte Anlehnung an vergangene Zeiten, sondern eine packende Weiterentwicklung, die ehrlich, stimmig und berührend ist. Besser hätte man sich die Rückkehr von Psychotic Waltz nicht erträumen können.

(9.5/10)

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