Für etliche Bands des Progressive Metal scheint es nur wenig attraktiv zu sein, ihre kompliziert arrangierten und mit viel technischer Finesse umgesetzten Kompositionen in ein stromreduziertes Gewand zu kleiden. Anders lässt sich der weitgehende Mangel akustisch gehaltener Genre-Perlen kaum erklären. Die Pfälzer Vanden Plas hingegen legen eine solche nun schon zum zweiten Mal in ihrer Karriere vor. Dabei war ihr Akustik-Debüt AcCult 1996 nicht mal geplant. Notwendig wurde es seinerzeit durch das Angebot, einige Auftritte in großen Plattenläden in Frankreich zu absolvieren, wie Gitarrist Stephan Lill erläutert.
»Obwohl die Läden dort riesig waren, konnten wir natürlich nicht mit vollem Equipment antreten. Also arrangierten wir einige Lieder von unserer ersten Platte Colour Temple neu und übten noch ein paar Cover-Versionen ein. In Paris warteten dann so viele Leute vor dem Laden, dass wir zweimal spielen mussten. Das hatte ein wenig den Charakter einer Kinovorführung. Die einen gingen raus, die anderen kamen rein, und wir spielten das gleiche Set noch einmal.«
Es war damals schon klar, dass es irgendwann ein weiteres Album dieser Art geben würde, nur gepasst hat der Zeitpunkt nie so richtig. Schuld daran ist auch die Umtriebigkeit der Pfälzer. Seit ihrer Gründung im Jahr 1986 haben sie nicht nur ein gutes Dutzend sehr ambitionierter Konzept-Alben veröffentlicht, sondern auch regelmäßig Stoffe für Theateraufführungen bearbeitet, etwa Wolfgang Hohlbeins Die Chronik der Unsterblichen – Blutnacht, erstmalig aufgeführt 2012 im Pfalztheater in Kaiserslautern. Dass AcCult II zum jetzigen Zeitpunkt erscheint, habe indessen nichts damit zu tun, dass ihr langjähriger Keyboarder Günter Werno die Band vor der Fertigstellung ihres letzten Studio-Albums The Empyrean Equation Of The Long Lost Things (2024) verlassen hat und durch den italienischen Tausendsassa Alessandro Del Vecchio ersetzt wurde, stellt Lill klar.
»Günter hängt sehr an diesen Theater-Sachen, und da werden wir auch weiterhin verbunden bleiben, wenn es um Aufführungen geht, an denen wir gemeinsam gearbeitet haben. Für uns ist es aber notwendig, die Rockoper-Geschichten von der Rockband Vanden Plas in Zukunft klar zu trennen, und ich denke, dafür ist Alessandro der richtige Mann.«
Der 47-Jährige liefert auch auf AcCult II einen Vorgeschmack dessen, was seine Verpflichtung auf lange Sicht bedeuten könnte. Del Vecchio sei nicht nur ein wahnsinnig guter Musiker, sondern teile auch seine Meinung, dass Vanden Plas mit der orchestralen Breite ihres Sounds auf Alben wie den beiden Chronicles Of The Immortals (2014 und 2015) oder den zwei Teilen von The Ghost Xperiment (2019; 2020) an ihre Grenzen gestoßen seien, so Lill. Bei seinem Einstieg habe er sich zudem als riesiger Fan der Band zu erkennen gegeben, der Vanden Plas erstmals im zarten Alter von 16 Jahren auf einer gemeinsamen Tour mit den Brasilianern Angra live in Mailand gesehen hat. Für AcCult II arrangierte er zunächst ›Healing Tree‹ von ihrer 2002 erschienenen Scheibe Beyond Daylight.
»Das hat er einfach toll gemacht«, begeistert sich Lill. »Gut, es ist das Stück mit der breitesten orchestralen Fläche des Albums, aber es ist genau die nötige Portion Bombast, die unser Sound benötigt und auch in Zukunft benötigen wird.«
›Healing Tree‹ belegt auch ein Stück weit, warum AcCult II so außerordentlich gut gelungen ist. Denn Vanden Plas geben sich nicht einfach mit einer biederen Stromlos-Übersetzung zufrieden, sondern ermöglichen ihren Stücken zum Teil ganz neue Charakterzüge, offensichtlich auch in dem den Reigen eröffnenden ›Far Off Grace‹. Im Titelsong ihres dritten Albums zeigt alleine das harmonische Verständnis zwischen seiner akustischen Gitarre und Del Vecchios sanften Orgel- und Synthesizer-Klängen, wie stark der elegante Prog-Rock-Sound vom Einstieg des Italieners profitiert.
»Ich bin eigentlich gar nicht der Typ, der sich selbst lobt, aber ›Far Off Grace‹ ist einfach wunderbar geraten«, lacht der Gitarrist, der zusammen mit Sänger Andy Kuntz das kreative Rückgrat der Gruppe bildet. Und er räumt sogleich ein, dass sich nicht jedes Stück für eine derartige Behandlung angeboten hat, so sehr es sich die beiden auch gewünscht hätten. »Wir mussten auf einige unserer Favoriten schweren Herzens verzichten, aber ›Far Off Grace‹ hat dafür umso besser gepasst. Es war das erste Lied, das wir für die Platte in Angriff genommen haben, und hat uns gezeigt, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten. Wir haben uns die Freiheit genommen, ein ganz neues Intro anzufügen und am Ende auch noch ein echtes Hollywood-Finale einzubauen. Es geht nur ungefähr eine Minute, aber es verleiht dem Stück einen ganz neuen Charakter.«
Nicht weniger gelungen auch die The God Thing-Perle ›You Fly‹, die von Supertramp-Legende John Helliwell mit einem feinen Tenorsaxofon-Solo veredelt wurde, ein Gastauftritt, der aufgrund der Verbindungen Del Vecchios zustande kam. »Ich glaube, der Kerl kennt einfach alle und jeden. Den Gedanken, dass ein Saxofon das Stück sicher aufwerten würde, hatten wir kaum zu Ende gedacht, da hing er schon am Telefon, um John Helliwell zu kontaktieren. Und er hat Anekdoten ohne Ende auf Lager. Als er beiläufig erwähnte, dass er schon häufiger mit George Lynch zusammengearbeitet hat, war ich echt platt. Ich habe ihm befohlen, sich sofort hinzusetzen und davon zu berichten, denn George Lynch ist nicht weniger als mein absoluter Gitarren-Gott.«
Die Coverversionen von ›Boat On The River‹ (Styx) und ›Nothing Else Matters‹ (Metallica) haben Vanden Plas dann ohne prominente Schützenhilfe bewerkstelligt. Doch selbst den eigentlich ausgenudelten Klassikern gewinnen sie noch einmal neue Facetten ab, wobei Lill im Vorfeld bewusst war, dass dies eine extrem schmale Gratwanderung werden würde.
»Ich habe mich gefragt, ob diese Lieder nicht eigentlich unantastbar sind, andererseits haben wir auf der ersten Scheibe ja ›Kayleigh‹ von Marillion gecovert. Alessandro hat sich mit seinem Pianoarrangement bei ›Nothing Else Matters‹ extrem gut geschlagen. Er hat das Lied damit zwar nicht neu erfunden, aber ihm doch eine ganz nette Wendung verpasst. ›Boat On The River‹ dagegen ist für mich der perfekte Pop-Song. Dabei bin ich als beinharter Iron Maiden- und Judas Priest-Fan mit dem Werk von Styx nicht sonderlich vertraut. Es ist einer dieser Songs, die man nicht verändern kann oder darf, und daran haben wir uns gehalten. Aber wenn jemand sagt, dass man von einem Lied besser die Finger lassen sollte, ist das ein Grund, genau das nicht zu tun.«
Derartige Überraschungen soll es auf dem nächsten Studio-Werk der Band eher nicht geben. »Wir haben unseren Sound gefunden«, verkündet Lill nicht ohne Stolz, was nicht heißen soll, dass sich Vanden Plas mit ihrem erreichten Level begnügen würden. »Auf keinen Fall, aber ein Stück weit zurück zu unseren Wurzeln wollen wir doch gehen. Mir schwebt so ein wenig der Sound von The God Thing oder Far Off Grace vor, aber verbunden mit der moderneren Keyboardarbeit von Alessandro und viel Synthesizer- und Hammondorgel-Einsatz. Das Schöne ist ja, dass Alessandro nicht nur ein lustiger Kerl ist, den jeder sofort in sein Herz schließt, sondern, dass er unseren Horizont auch fast täglich erweitert, wenn wir mit ihm arbeiten. Neulich fragte er mich, wie mir die Dixie Dregs gefallen würden. Als ich antwortete, dass ich von ihnen noch nie ein Lied gehört habe, meinte er nur: Stephan, wie sollen wir jemals Freunde werden, wenn du die Dixie Dregs nicht kennst?«
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Die Titelliste von AcCult II:
01. Far Off Grace
02. Holes In The Sky
03. The Ghost Experiment
04. Boat On The River
05. Healing Tree
06. Postcard To God
07. Nothing Else Matters
08. You Fly (feat. John Helliwell)
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