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Wucan

Hoffen auf regelmäßig Taschengeld

Mit ihrem konsequenten Ausscheren aus vorgefertigten Mustern haben sich Wucan als Ausnahmeerscheinung in der Retro-Rock-Szene etabliert. Auf ihrem vierten Album Axioms setzen die experimentierfreudigen Dresdner Krautrocker musikalisch noch eins drauf.

TEXT: JACQUELINE FLOSSMANN |FOTO: Joe Dilworth

Auch wenn die Basis stets dieselbe bleibt, so ist es doch der Wandel, der im Wucan-Kosmos eine Konstante darstellt. Seit ihrer Gründung im Jahr 2011 bildet bei den Dresdnern Heavy Rock mit starkem Siebzigerbezug den Grundpfeiler ihres Schaffens. Doch schon diese Grundlage war deutlicher von anderen Künstlern beeinflusst als bei vielen ihrer Vintage-Rock-Kollegen, weil sie krautiger, kauziger und abseitiger war. Wer sonst gibt hierzulande noch Ostrock als großen Einfluss an, integriert eine Querflöte als fixes Distinktionsmerkmal, nimmt Coverversionen von Bands wie der Klaus Renft Combo auf seine Platten und singt mindestens einen Song pro Album auf Deutsch?

»Das ist der Sinn und Zweck eines jeden Albums, das man immer noch eins draufsetzt. Ich bin saufroh, dass wir uns über die Jahre hinweg organisch entwickeln durften. Es gibt ja auch ein paar Negativbeispiele von Bands, deren erstes Album der absolute Banger war, an das die Nachfolgewerke aber nicht mehr so richtig ranreichen konnten«, sinniert Frontfrau und Multiinstrumentalistin Francis Tobolsky im Zoom-Call, an dem auch ihr Bandkollege Tim George teilnimmt. Dieses „Draufsetzen“ ist ihnen mit ihrem vierten Studio-Album Axioms zweifelsfrei gelungen. Ihren Mix aus Hardrock, Oldschool-Heavy-Metal, Prog-, Ost- und Krautrock erweitern Wucan um Zitate aus der Munich-Sound-Ära und subtilen elektronischen Elementen, ohne ihre Authentizität oder Kernkompetenzen zu schmälern. Viele dieser Experimente gehen auf Tim George zurück, wie der Gitarrist sowie Synthesizer- und Orgelmeister erklärt:
»Ich bringe ständig neue Ideen mit, weil ich mir ständig neue Spielzeuge kaufe, die genutzt werden wollen. Der ganze Synthesizer-Kram zum Beispiel. Außerdem höre ich sehr viel unterschiedliche Musik, daraus resultieren auch ständig neue Einflüsse. In ›Axioms‹ etwa wollte ich eher shoegazige, verträumte Gitarren drin haben und mehr Effekte als in unseren Standard-Songs, die ja meistens sehr trocken gemischt sind. Es kann auch passieren, dass man mal übers Ziel hinausschießt — dann weist einen der Rest der Band darauf hin. Es ist gut, dass man da reguliert wird von der anderen Seite. Es wird auch alles diskutiert bei uns, jeder hat ein Vetorecht.«



Eine demokratische Herangehensweise, die zur Qualität der Songs beiträgt, die jedoch auch ihre Tücken aufweisen kann, wie Francis Tobolsky ehrlich einräumt: »Bei uns ist es nun mal nicht so, dass einer einen Song mitbringt, die anderen das nachspielen und dann wird es aufgenommen. Wir brauchen wirklich die Zeit im Proberaum, um miteinander zu arbeiten. Die Entstehung dieses Albums war anstrengend, weil wir recht wenig Zeit hatten. Außerdem sind wir erwachsen geworden, einige von uns haben Familie, was immer an erster Stelle kommt. Da muss man gucken, wie Privatleben, Beruf und Band zusammenpassen. Die letzten Monate sind wir hier alle durchgedreht. Aber es war nicht so deprimierend wie 2017 bei Reap The Storm — damals habe ich wirklich gedacht, ich hänge die Scheiße an den Nagel.«

Trotz der erschwerten zeitlichen Umstände und der knappen Deadline sind Wucan an Axioms vor allem musikalisch gewachsen. »Manchmal haben unsere Köpfe wirklich geraucht! Dafür waren wir aber auch super effektiv. Bei den letzten Proben vor den Aufnahmen habe ich richtig gemerkt, wie wir als Musiker gereift sind. Auf diesem Niveau haben wir uns vorher noch nicht bewegt«, so Tobolsky. Deutlich wird das gleich im Opener ›Spectres Of Fear‹, einem Stück, das mit seinem Pomp, Prog, Bombast und Arrangementwechseln definitiv auf keine Easy-Listening-Playlist Einzug halten wird: »Das hatte den Arbeitstitel ›Sicke Flöte‹«, so George lachend. »Nach dem ersten Riff und der Strophen-Idee sind wir echt lange nicht weitergekommen.«

»Das war vielleicht die härteste Nuss auf dem ganzen Album. Wir waren kurz davor, das Lied liegen zu lassen und wieder ein Cover mit draufzunehmen, um auf unsere 38 Minuten Spielzeit zu kommen«, fügt Tobolsky hinzu. »Doch dann hat uns Tim diesen kleinen Disco-Teil im Proberaum vorgespielt, und ich habe meine Hände in der Luft zusammengeschlagen vor Dankbarkeit. Da ist auch ein Part drin, den wir richtig lange üben mussten, um ihn mit Flöte und Gitarre unisono spielen zu können.« Andere Songs hingegen wie das geheimnisvoll betitelte ›KTNSAX‹ (den Tobolsky so kommentiert: »Das ist so schweine-belanglos, dass wir uns lächerlich machen, wenn wir das verraten.«) oder das sozialkritische ›Holz auf Holz‹ hingegen hätten sich fast von selbst geschrieben. Was auf Axioms neben diversen Sound-Erweiterungen ebenfalls besonders ins Auge respektive Ohr fällt, ist die gesangliche Bandbreite und Leistung.



»Am Anfang unserer Karriere war ich darauf aus, alles zu geben und meine kraftvolle Stimme zu präsentieren. Es ist eben mein Naturell, so zu singen, aber ich wollte jetzt auch ein paar andere Sachen zeigen, die ich in den letzten Jahren gelernt habe. Ich habe einen großen Willen, mich als Sängerin zu verbessern. Da hat mir mein kleiner Arbeitsraum, mein Studio hier, auch wirklich geholfen. Durch das ständige Aufnehmen und nochmal Anhören und Rückkoppeln mit mir selbst habe ich ein viel besseres Gefühl für meine Stimme bekommen und für das, was sie kann. Das war vorher nicht der Fall. Da sind wir ins Studio gegangen, ich hab’ gesungen und das war’s.«

Heute gibt es die starke, laute Tobolsky immer noch zu Genüge zu hören (etwa in ›Holz auf Holz‹), aber eben auch eine Sängerin, die ihre Kopfstimme perfekt im Griff hat (in ›Wicked, Sick And Twisted‹ erinnert sie zwischendurch an Donna Summer), eine, die ganz viel Soul in ihr Timbre legen kann, und eine, von deren betörend sirenenhaften Gesängen man auf Samt und Seide gebettet wird (so zu Beginn von ›Fountain Of Youth‹). Diese Abwechslung auf diversen Ebenen macht den Gesamtklang von Wucan sehr reich, dicht und interessant. Und ihre Live-Shows so spannend, wie Tim George findet: »Wir können einfach cool mischen und haben ein großes Repertoire an verschiedenen Songs, sodass den Leuten nicht langweilig wird.«



Trotz des positiven Feedbacks ihrer Fans und der stetig wachsenden Aufmerksamkeit, die Wucan gerade auch im Zuge der Veröffentlichung von Axioms zuteilwird, war für die Musiker aber schon immer klar, dass sie nicht allein auf die Band setzen wollen.

»Für mich war das noch nie ein Thema«, erklärt George pragmatisch. »Zu sagen, mein Einkommen hängt davon ab, ob es den Leuten gefällt, baut einen Druck auf. Da bist du nicht mehr frei. Wenn das Album jetzt ein Flop geworden wäre, würde das natürlich an meinem Ego kratzen, aber morgen steht trotzdem noch ganz normal mein Essen auf dem Tisch.« Francis Tobolsky fügt hinzu: »Ziel wäre es, dass regelmäßig ein Taschengeld reinkommt. So eine Band ist ja ein bisschen wie ein Laster, weil es Zeit kostet, aber erst einmal nichts abwirft. Das ist natürlich für die Familien, die dranhängen, ein bisschen blöd. Wenn jeder von uns pro Gig nen Hunni einstecken könnte, wäre das schon toll.«

Diese mehr als bescheidenen Zukunftswünsche kann man als Armutszeugnis für das moderne Musikbusiness lesen. Doch Wucan lassen sich davon nicht beirren oder von ihrer Leidenschaft abbringen. Auch nicht von einer Konzertbesprechung, die der Band kürzlich attestierte, dass sie »zu viel will«. Musik ist und bleibt natürlich immer Ansichts- und Geschmackssache. Das Urteil nach dem aufmerksamen Durchhören von Axioms fällt jedoch anders aus: Wucan sind eine Band, die viel kann und viel liefert.



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