Neal Morse

Manchmal hilft John Lennon

Nach Jesus Christ The Exorcist hat Neal Morse in The Dreamer – Joseph: Part One eine weitere Bibelerzählung vertont. Allzu erdrückenden Musical-Bombast hat der Progressive-Rock-Erfindergeist bewusst vermieden und setzt auf vergleichsweise kompakte Songs.

TEXT: MARKUS BARO |FOTO: PR/Frontiers Music

In seiner Musik transportiert er oft die ganz großen Gefühle. Neal Morse selbst hingegen behält gerne einen kühlen Kopf. Dennoch passiert es hin und wieder, dass der umtriebige Musiker von seinen Emotionen geradezu überwältigt wird. Beim finalen Auftritt der einst von ihm und dem damaligen Dream Theater-Schlagzeuger Mike Portnoy ins Leben gerufenen Prog-Supergroup Transatlantic war dies immer wieder der Fall, wie auf The Final Flight: Live At L’Olympia (2023) dokumentiert.

»Es ist schon komisch, aber die Erkenntnis, dass dies unsere letzte Show überhaupt gewesen sein könnte, traf mich völlig unvermittelt wie ein Hammerschlag. Wir müssen uns aber der Realität stellen. Transatlantic kommen im Schnitt alle acht Jahre zusammen und wenn wir diesem Muster folgen, wären bei der nächsten Tournee die meisten von uns in ihren Siebzigern. Ob wir da noch die Physis aufbringen werden, für mehr als drei Stunden auf der Bühne zu stehen? Für mich ist das fraglich. Diese Band war 1999 eigentlich nur als einmaliges Projekt gedacht und ist für alle Beteiligten über die Jahre zu etwas ganz Besonderem geworden, deshalb hat mich in diesem Moment eine große Traurigkeit übermannt. Aber es hilft ja alles nichts. Man muss in die Zukunft blicken.«



Und die liegt, wie so oft bei Morse, in der Vergangenheit. Vor rund sieben Jahren machte er sich daran, The Pilgrim’s Progress zu vertonen. Die gleichnishafte Darstellung des Baptistenpredigers John Bunyan aus dem Jahr 1678, die den christlichen Glauben mit einer steinigen Reise zu Erlösung und spirituellen Erleuchtung gleichsetzt, gilt als eine der wichtigsten englischsprachigen Schriften des Christentums, deren Adaption zur bislang größten kreativen Herausforderung geriet, der sich Neal Morse bislang stellen musste.

Die beiden daraus resultierenden Doppelalben The Similitude Of A Dream (2016) und The Great Adventure (2019) mit all ihren liebgewonnenen Reverenzen an die alte Prog-Garde und ihre Ehrenmitglieder Genesis, Gentle Giant, Kansas und Yes (aber auch an The Who, die Eagles und Fleetwood Mac) markieren zweifellos den künstlerischen Höhepunkt des 1960 geborenen Musikers, denen er kurze Zeit später ein nicht halb so opulentes Bibel-Musical im Prog-Rock-Gewand folgen ließ.

Jesus Christ The Exorcist (2019) sei eher aus der Not heraus geboren gewesen — und doch der Startschuss für weitere Projekte dieser Art, leitet der dauerproduktive Morse ein. Das Skript dazu habe gute zehn Jahre in seiner Schublade geschlummert und sich erst wieder in Erinnerung gebracht, als er beim alljährlichen Prog-Festival Morsefest in seiner Heimatstadt Nashville auf Mike Portnoy verzichten musste, weil dieser gerade mit den Sons Of Apollo auf Tour und entsprechend verhindert war.



»Da wir dort traditionell immer ein Album in Gänze spielen, war schnell klar, dass das ohne ihn wenig Sinn machen würde. Auf der Suche nach einer Alternative kam mir dann in letzter Sekunde die Idee, anstelle eines Albums der Neal Morse Band mein Jesus-Musical mit einer Vielzahl von Gästen aufzuführen, obwohl es zu dem Zeitpunkt weder komplett geschrieben, geschweige denn aufgenommen worden war.«

Für The Dreamer – Joseph: Part One hat er sich nun eine weitere Geschichte aus dem Alten Testament zur Brust genommen und in der für ihn typischen Manier zu einer vergleichsweise kompakten Prog-Rock-Oper geformt. Die vertonte Josef-Erzählung legt die Vermutung nahe, Morse plane, die kompletten biblischen Schriften zu vertonen. Das sei keineswegs der Fall, stellt er amüsiert klar.

»Das wäre arg vermessen. Der Hintergrund ist relativ profan. Auf der Suche nach einem thematischen Überbau für eine neue Platte bin ich auf die sehr vieldeutige Geschichte dieses biblischen Propheten gestoßen und dachte mir, dass den Fans meine — ich nenne es mal Interpretation gefallen könnte. Einfach nur ein weiteres Werk mit Musical-Elementen wäre mir zu vorhersehbar gewesen, doch zumindest dem biblischen Charakter war ich nicht abgeneigt«, erläutert der Musiker.



»Ich habe zuerst den textliche Rahmen erarbeitet und dann einfach abgewartet. Wochen später bin ich mit einer Melodie im Kopf aufgewacht und wusste, dass wenn ich diese Melodie nach dem Frühstück immer noch im Kopf habe, die Zeit für neue Musik gekommen wäre. Die Ouvertüre zu der Scheibe war dann nur noch Formsache, dann habe ich mich linear und ganz klassisch vorangetastet, wobei ich textlich eine historische Vorlage nach der anderen verarbeitet habe. Das hat gut funktioniert und mich am Ende schnell vorangebracht.«

Miteinander vergleichen mag Morse seine beiden jüngsten Bibel-Werke nur bedingt, denn dafür sind sie bereits in ihrer Anlage zu unterschiedlich. Zwar sind auch auf The Dreamer – Joseph: Part One unterschiedliche Sänger wie Ted Leonard (Enchant, Spock’s Beard), Matt Smith und Jake Livgren zu hören, die der Musik ganz automatisch einen gewissen Musical-Charakter verleihen, der in ›I Will Wait On The Lord‹ von einem Gospelchor aus Nashville noch verstärkt wird. Insgesamt aber fehle seiner Josef-Geschichte über weite Strecken der offensichtliche Rock-Oper-Überbau des Vorgängers, erklärt er.



»Das theatralische Element in dem Moment zu verstärken, wenn die Geschichte auf ihren Höhepunkt zusteuert, war eigentlich ganz logisch und natürlich. Insgesamt ist meine Josef-Adaption aber eher songorientiert geraten. Und das ist schon ein großer Unterschied. Jesus Christ The Exorcist war explizit für die Aufführung im Theater gedacht.

Längere Instrumentalpassagen haben sich damals gar nicht erst angeboten, weil sonst die Darsteller zu viel Leerlauf gehabt hätten und auf der Bühne immer wieder zur Tatenlosigkeit verdammt gewesen wären. Die Kunst bestand darin, eingängige Kompositionen mit theaterbühnentauglichen Chorpassagen zu einer großen musikalischen Suite kombinieren, was auch für mich eine ganz neue Erfahrung war. Bei Joseph habe ich den Song an sich viel stärker in den Mittelpunkt gestellt.«

Den großen Teil der instrumentalen Passagen hat er selbst übernommen, Gäste wie Steve Morse (Deep Purple, Dixie Dregs, Flying Colors) oder Eric Gillette (Neal Morse Band) seien nette Dreingaben, ist der Multiinstrumentalist zufrieden, der in den frühen Neunzigern als singender Anführer der Vintage-Progger Spock’s Beard bekannt wurde. Die verschiedenen Charaktere der auf The Dreamer – Joseph: Part One umgesetzten Geschichte wecken Sänger wie Ted Leonard (Enchant, Spock’s Beard), Matt Smith (Theocracy) und Jake Livgren (der Neffe des Kansas-Musikers Kerry Livgren) zu Leben, was automatisch einen gewissen Musical-Charakter erzeugt.



Bemerkenswert ist aber vor allem, wie es Neal Morse in vergleichsweise kurzen Liedern gelingt, seinen musikalischen Helden Tribut zu zollen. Die Nähe zu Bands wie Yes, ELP oder Gentle Giant kann Morse ohnehin nicht verleugnen, dank weiblicher Gospel-Chöre oder Saxofon-Einlagen in ›Before The World Was‹ oder ›Gold Dust City‹ werden auch immer wieder Erinnerungen an Pink Floyd zu Zeiten von Dark Side Of The Moon wach.

Und der innere Beatles-Fan jubiliert geradezu im dramatischen ›The Pit‹. »Eigentlich habe ich zuletzt vor allem Jethro Tull gehört, und das schimmert ziemlich deutlich im Zusammenspiel von Orgel und Gitarre in einem Song wie ›Liar Liar‹ durch. Aber natürlich sind die Beatles immer eine große Inspiration. Wenn es mir mal nicht gelingt, eine Melodieführung sauber zu Ende zu denken, stelle ich mir unterbewusst vor, dass John Lennon das Lied singen würde. Und dann passieren manchmal wahre Wunderdinge.«


Dieser Text stammt aus ROCKS Nr. 96 (05/2023).

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