Eric Sardinas

Vollgas auf der Veranda

Eric Sardinas hat schwierige Jahre hinter sich bringen und auf die Karrierebremse treten müssen. Neun Jahre nach seinem letzten Studio-Werk lässt der wilde Slide-Spieler mit dem ureigenen Resonator-Sound wieder mit einem neuen Album von sich hören.

TEXT: RALF DECKERT |FOTO: EarMusic

Man wird lange suchen müssen, bis man einen Musiker findet, der die Genres Blues und (Hard-)Rock in einer vergleichbar originellen wie auch immer wieder verblüffend organischen Weise zusammenbringt, wie Eric Sardinas dies tut. Einerseits ist er Purist, dessen größte Helden vor allem in den Urzeiten des Blues und des Rock’n’Roll aktiv waren. »Charley Patton, Bukka White, Blind Lemon Jefferson und Fred McDowell, T-Bone Walker, Chuck Berry oder Bo Diddley«, zählt er auf.

Andererseits ist der 52-Jährige aus Fort Lauderdale in Florida, der mittlerweile seine Zelte an der Westküste in Kalifornien aufgeschlagen hat, aber auch ein gestandener Rocker. »Jeder dieser Künstler — wie später auch Jimi Hendrix, Johnny Winter oder Stevie Ray Vaughan — stand auf den Schultern seiner Vorgänger. Und sie sind ohne Ausnahme eine große Inspiration, weil sie Grenzen überschritten und etwas Einmaliges zum Ausdruck gebracht haben. Nur das bringt Musik nach vorne.«

Bekannt wurde Eric Sardinas durch seine explosiven Live-Shows, vor allem aber wegen seiner Liebe zum furiosen Slide-Spiel auf elektrisch verstärkten Resonator-Akustikgitarre. Er ist ein Ton-Fanatiker, der bei jedem seiner Instrumente kleinste Unterschiede hört und es liebt, seinen Signature-Sound aus diesen Fortentwicklungen der Banjos vergangener Zeiten zu kreieren. Die mutmaßlichen Einschränkungen dieser Instrumente gegenüber E-Gitarren seien für ihn nicht ansatzweise spürbar, sagt er. Und vor allem: »Diese Dinger klingen einfach sexy! Der Ton ist wunderschön. Ich wollte immer sehen, wie ich diesen magischen Sound in seiner Klarheit weiterbringen kann, indem ich ihm Rock’n’Roll und eine gewisse Rauheit zuschieße.«



Einflüsse von Rory Gallagher über Johnny Winter bis hin zu Robert Johnson sind in seinem Spiel durchaus herauszuhören. Und doch ist Sardinas immer er selbst, wenn er in die Saiten greift. Ein Charakterkopf mit (häufig) Sonnenbrille, (zeitweise) Pornobalken-Schnauzer und (immer) Cowboyhut, der zunächst eher unnahbar wirkt in seinem Auftreten und der dann doch mehr Tiefe ins Gespräch und Seele in sein Spiel zu packen versteht als das Gros seiner blues-rockenden Zeitgenossen, die oft genug den Blues nur noch als musikalische Matrize nutzen, um einen Haufen Töne abzusondern.

Kein Song auf Midnight Junction, seinem ersten Album nach knapp zehn Jahren und seinem achten überhaupt, dokumentiert dies besser als ›Swamp Cooler‹, der Titel, den Sardinas zusammen mit Mundharmonika-Legende Charlie Musselwhite aufgenommen hat und auf dem man im Hintergrund die Grillen zirpen hört. »Davon habe ich immer geträumt«, berichtet der Gitarrist. »Charlie kann einfach alles spielen auf der Harp. Ich liebe seine Coolness. Sie war der Ausgangspunkt.« Aber dann hätten die beiden Musiker die Sache eben doch heißer werden lassen. Aus der akustischen Harp wird eine elektrisch verzerrte, und der Gitarrist gibt Vollgas. »Wir fangen auf der Veranda an und dort beenden wir die Sache dann auch.«



Die Veranda vor dem Holzhaus, auf der der Blues eigentlich daheim ist, ist ein sehr passendes Bild für Sardinas Arbeit. »Da komme ich her, das ist die Musik, die ich immer geliebt habe.« Er sei schon im Elternhaus stets mit Musik konfrontiert gewesen. Seine Mutter habe auf Soul gestanden. Elvis, Motown und Gospel seien allgegenwärtig gewesen in seiner Kindheit.

»Mein älterer Bruder hat mich dann mit der Rockmusik der Siebziger in Berührung gebracht. Das hat meine Neugierde für die Blues-Wurzeln geweckt.« Musiker wie Mississippi Fred McDowell zu hören, habe in seinem Ohr immer Sinn ergeben. »Aber ich habe auch immer versucht, die Grenzen zu verschieben und meine Musik weiterzubringen. Wobei ich natürlich nicht der Erste bin, der so etwas tut. Wenn die Allman Brothers einen Klassiker wie ›Statesboro Blues‹ von Blind Boy Fuller spielten, war das ja auch nicht anders. Man zeigt, wer man ist und wo man herkommt.«

Klar, die Musikwelt habe sich geändert seither. »Heute wird Musik erst gesehen und dann gehört. Es muss optisch aufregend sein. Die Leute sehen mich im Netz und achten dann erst auf die Musik. Als wir jung waren, sind wir dagegen in den Plattenladen und spürten diese Vorfreude, bevor die Nadel zum ersten Mal auf die Rille der Schallplatte aufsetzte. Heute laden die Leute einfach einen Song herunter.«



Im Grunde, so Eric Sardinas, sei das aber okay für ihn, solange er eben gesehen und wahrgenommen werde. Der Blues sei eh nie weg, er sei der Herzschlag der Musik, der Ausdruck der Tragik im Leben, »und in der Einfachheit der Musik liegt die Komplexität«, wie er es nennt. »Der Blues ist nicht dieses oder jenes in der Musik. Er ist alles!«

Hinter Sardinas liegt keine ganz einfache Zeit: Nach dem Erfolg seines 2014 erschienenen Albums Boomerang hatte er irgendwann das Gefühl, auf die Bremse treten zu müssen. »Ich hab mir den Arsch abgespielt. 200 Abende im Jahr, dreißig Jahre lang.« Da habe er sich auch mal Zeit nehmen wollen, um in Ruhe an der Musik zu arbeiten und sie frisch zu halten. »Ich habe also einfach weitergespielt, nur eben nicht unterwegs. Auf Tour sein ist aber immer mein Ding geblieben im Hintergrund. Ich weiß ja nicht mal, für was man Seife am Stück benötigt, weißt du?«



Dass seine Pause dann so lange dauern würde, war freilich nicht geplant: Die Corona-Pandemie kam, und im vergangenen Jahr starb Levell Price, der Bassist seiner Band Big Motor, bei einem Verkehrsunfall. Auf dem neuen Album spielt neben Drummer Chris Frazier nun Koko Powell, einst in den Diensten von Edgar Winter.

»Den Namen Big Motor habe ich zur Seite gelegt«, sagt Sardinas. »Ich hatte das Gefühl, dass das Album von mir kommen sollte. Ich wollte meinen Namen wieder auf die Landkarte setzen. Mit Chris habe ich früher schon viel gearbeitet, wir waren oft auf Tour in Europa zusammen. Es ist eine fantastische Band, wir werden sicher für immer zusammenbleiben! Lebenslänglich!«

Jetzt gehe es darum, wieder da anzuknüpfen, wo vor etlichen Jahren Schluss war. »Deutschland war immer super für uns, ich will unbedingt zurückkommen!« Amerikanische Musik sei immer sehr beliebt gewesen in Europa. »Schau dir die British Invasion an. Es war doch fast so, als müsse man den USA den Blues auf einem Silbertablett präsentieren. Jimi Hendrix musste erst einmal nach London, bevor er hier mit der Experience ernstgenommen wurde und durch die Decke ging.«



Dieser Text stammt aus ►ROCKS Nr. 98 (06/2023).

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