Nitrate

Filmfans ohne Angst vor Kitsch

Beeinflusst von den großen Melodic-Bands der achtziger Jahre rief Nick Hogg Nitrate ins Leben. Mit ihrem vierten Album setzen die Briten diese Tradition fort: Feel The Heat ist ein Tribut an die Popkultur jenes Jahrzehnts.

TEXT: MAXIMILIAN BLOM |FOTO: PR/Frontiers Music

Eigentlich wollte Nick Hogg vor acht Jahren bloß einige Songs aufnehmen, die er zu Beginn des Jahrtausends für seine alte Band geschrieben hatte. Nitrate sei ein »Midlife-Crisis-Projekt« gewesen, so der Bassist und Songwriter aus Nottingham.

»Damals wollte ich angesagte Musik machen. Die Foo Fighters waren zum Beispiel ein großer Einfluss. Davon ist nicht viel übriggeblieben, weil ich mich vom Zeitgeist gelöst habe. Stattdessen habe ich mich auf die Bands besonnen, mit denen ich groß geworden bin: Guns N’ Roses, Def Leppard, Poison oder Mötley Crüe. Deswegen waren unsere ersten beiden Alben auch noch stärker im Hair Metal verwurzelt. Erst als sich die heutige Besetzung formierte, hat sich diese Melodic-Rock-Schlagseite so richtig durchgesetzt.«

Entscheidend für diese Entwicklung sind die Zwillingsbrüder Tom (Gitarre) und James Martin (Keyboards), die 2009 zur Gründungsbesetzung der Melodic-Rocker Vega zählten und mittlerweile ein profiliertes Komponisten- und Produzentenduo bilden. Die beiden stießen, ebenso wie der schwedische Sänger Alexander Strandell (Art Nation), für das dritte Studiowerk Renegade (2021) zur Band. Sie setzten die Entwicklung zu jener Art des AOR in Gang, die in den Achtzigern die Charts dominierte und heute untrennbar mit Filmen wie Top Gun (1986) oder der Rocky-Reihe verbunden sind.



Die Atmosphäre dieser Blockbuster haben einen deutlichen Einfluss auf Nitrate, wie auf Feel The Heat nicht nur das Intro des eröffnenden Titelstückes offenbart, in dem US-Polizeisirenen auf jene Art plunkernden Synthesizer treffen, wie ihn etwa Filmkomponist Harold Faltermeyer oder Robert Tepper in ›No Easy Way Out‹ nutzte.

»Wenn man älter wird, ist man empfänglicher für nostalgische Gefühle, glaube ich«, lacht der Mittvierziger Hogg. »Ich bin ein großer Filmfan, genauso wie unser Schlagzeuger Alex Cooper, der sich um unsere Artworks und Musikvideos kümmert. Das schlägt sich entsprechend in unserer Musik und den visuellen Aspekten nieder: Wir wollen das Gefühl transportieren, das diese Streifen auszeichnet.«

Der Drummer pflichtet seinem Bandkollegen bei: »Während der Arbeit an dem Album haben wir uns intensiv darüber ausgetauscht. Wir haben alle unterschiedliche Stärken, aber eine gemeinsame Idee. Es ist zum Beispiel kein Zufall, dass die Flugzeuge auf dem Cover jenen vom Plakat des ersten Blade Runner-Films ähneln: Ein paar der Keyboardspuren haben mich ein bisschen an Vangelis erinnert, der dafür die Musik geschrieben hat. Wir wollten ein auf allen Ebenen stimmiges Werk schaffen und hoffen jetzt, dass das andere auch so sehen.«



Für die beiden Balladen des Albums bekamen sie Hilfe aus unterschiedlichen Richtungen: James Martins Frau Isabell Øversveen, selbst unter dem Namen Issa als Solokünstlerin unterwegs, ist als Duettpartnerin bei ›One Kiss (To Save My Heart)‹ zu hören. ›Stay‹ stammt hingegen aus der Feder von Bob Mitchell, der in der Vergangenheit unter anderem den Cheap Trick-Schmachtfetzen ›The Flame‹ (von Lap Of Luxury, 1988) mitverfasste.

»Bob ist ein Kumpel von meinem Bruder und mir«, erklärt James Martin die prominente Unterstützung. »Die Nummer entstand eigentlich für das Vega-Album Who We Are (2016). Wir haben sie damals sogar aufgenommen, aber den anderen war vor allem der Text zu kitschig. Das fand ich schade, denn er hat in meinen Augen nicht nur Single-Potenzial, sondern hätte für die Band damals sogar Radio-Airplay bedeuten können.

Die Lyrics mögen schmalzig klingen, doch für Bob scheinen sie viel zu bedeuten. Er hatte sich morgens um sechs mit einer Flasche Rotwein drangesetzt, und als wir später dazukamen, saß er weinend dort. Als er uns den Song vorspielte, war ich fasziniert, wie raffiniert er mit den Worten umging. Ich dachte: So machen es die absoluten Profis!«



Dieser Text stammt aus ►ROCKS Nr. 97 (06/2023).

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