Hoodoo Telemetry passt in keine Schublade. Vernon Reids neues Album ist nicht weniger als eine Supernova aus Heavy Metal, Blues, Funk, Jazzrock, Hip-Hop, Folk, Industrial, Punk und diversen anderen Musikstilen. Jazz-Legende Ornette Coleman erfand für einen solch weit gefassten Ansatz einst das Wort „Harmolodic“, das kein Genre ausgrenzte, sondern jede Musikauffassung integrierte. So gesehen klingt Hoodoo Telemetry wie die Erfüllung von Ornettes kühnstem Traum.
»Ich liebe Popmusik, ich liebe Rockmusik, ich liebe Free Jazz und die extreme Avantgarde«, ruft Vernon Reid. »Es gibt für mich keinen Widerspruch in der Musik oder in musikalischen Vorlieben. Weshalb soll ich nicht Motörhead, The 5th Dimension und Eric Dolphy gleichermaßen gut finden und genießen können. Es darf voll akustisch oder auch komplett elektronisch sein. Hauptsache, Musik erzählt etwas über das Leben«, begeistert sich der 67-jährige New Yorker.
»Als ein DJ kürzlich in einem schwarzen Viertel in Brooklyn Kraftwerks ›Trans Europa Express‹ sampelte und das mehrere Blocks weit zu hören war, war es dieser elektronische Beat einer deutschen Band aus den Siebzigern, der die Leute vereinte und auf eine Reise schickte. Es war magisch, durch den Park zu laufen und zu erleben, was mit den Menschen passierte. Diese Magie erinnerte mich daran, um was es mir in der Musik geht. Auf einer Platte so viele Gegensätze wie möglich zu vereinen, ist das Statement, das mir derzeit wichtig ist.«
Vernon Reid hat Recht, wenn er behauptet, dass sich gerade wegen all dieser aufeinanderprallenden Gegensätze ein roter Faden durch sein jüngstes Werk zieht. »Ich wollte mal wieder richtig Gitarre spielen. Es gibt viele unterschiedliche Gitarrenparts auf dem Album. Aber es ist trotzdem keine Gitarren-Platte. Für mich ist es ein Album über das Leben, denn jeder Tag ist anders. Es ist auch eine Platte über New York«, beschreibt der Musiker sein vielschichtiges Werk.
»Ich gehe gern mit jungen Menschen durch die Straßen und erzähle ihnen, wie New York vor dreißig oder vierzig Jahren mal war. Ich versuche ganz unterschiedliche musikalische Stilistiken einzufangen, die New York in den letzten sechs Jahrzehnten prägten, aber die Platte handelt auch von Orten, Straßen und Parks in New York, die man noch findet. Die Bronx gilt immer noch als Schmuddelecke von New York, und trotzdem hat sich von dort aus die letzte wichtige Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts ausgebreitet: Hip-Hop ist viel mehr als Rap. Hip-Hop ist Graffiti, Breakdance und Lebenskultur. Brian Eno kam 1978 nach Manhattan und hat den No Wave initiiert. Und gab es den Loft Jazz mit all diesen fantastischen Künstlern. Das alles ist auch meine Geschichte.« Entstanden sei letztlich ein kaleidoskopisches Album, das ganz seinem unruhigen Geist entspricht. »Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um ernsthaft an dieser Platte zu arbeiten und den richtigen Fokus zu finden.«
›The Haunting‹ ist eine Nummer, die als psychedelischer Tribut an den 2016 verstorbenen Prince gehört werden könnte. Wer die Karriere des 66-jährigen Funk-, Fusion- und Avantgarde-Künstlers über die Jahre hinweg zumindest ein bisschen mitverfolgt hat, wird sich nicht weiter über die Bandbreite der neuen Songsammlung wundern, die sich als buntes Geflecht aus diversen Stilen verschiedener Kollaborateure entfaltet. Auch ist es eine reflektorische Platte, betont Reid. »Alles, was ich tue, ist ein Protest der einen oder anderen Art. Ich liebe seit jeher die unterschiedlichsten Arten von Musik. James Brown, die Band Of Gypsys von Jimi Hendrix, Sly And The Family Stone, Cream. Die Psychedelic-Bewegung und den elektronischen Miles Davis! Das waren Leute, die immer wieder einen neuen Mindset für ihre Musik gesucht haben und sich musikalisch herausgefordert haben. Mir gefiel schon immer die Idee, als Musiker alles zu riskieren, um sich zu wandeln und sich zu verändern.«
Mehr Vernon Reid & Living Colour gibt u.a. es in
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