Und es gibt sie doch noch, die Märchen im Rock’n’Roll-Business, die glücklichen Zufälle und folgenreichen Begegnungen. Die Geschichte des in Deutschland leider übersehenen Bandprojekts Casandra’s Crossing und seines Debütalbums Garden Of Earthly Delights reicht zurück bis ins Jahr 2019. Damals besuchte Casandra Carson, Gitarristin und Sängerin von Paralandra und The L.I.F.E. Project, mit ihrem Partner Jaron Gulino ein Konzert von Lynch Mob. Gulino verehrt den Saiten-Maestro, dessen intensiver Stil Dokken in den achtziger Jahren fundamental prägte. Seit seinem endgültigen Ausstieg aus der Band im Jahr 1997 ist George Lynch ein unfassbar umtriebiger Künstler: Sweet & Lynch, KXM, Dirty Shirley und The End Machine sind nur einige und die bekanntesten seiner jüngeren Projekte, die er neben seinem Mob betreibt. In seinem Customshop designt er zudem Gitarren in liebevoller Handarbeit — und für nicht wenige Musiker ist und bleibt er der personifizierte heilige Gral des Gitarrespielens. Auch für Bassist Gulino, der sich und seine Freundin an jenem Abend in den „Meet & Greet“-Bereich von Lynch Mob einschleuste.
»Wir trafen George backstage, alberten herum, dann meinte Jaron: „Wenn du jemanden brauchst, der heute ›Street Fighting Man‹ mit euch singt: Casandra ist eure Frau!“ Am Ende landete ich tatsächlich auf der Bühne und sang diese Nummer von Wicked Sensation. Danach sah George mich erstaunt an, sein Drummer umarmte mich und meinte, dass wir unbedingt in Kontakt bleiben müssten. Ein paar Jahre später ging für Jaron dann ein Traum in Erfüllung, er wurde Bassist bei Lynch Mob. Als ich George nach einer ihrer Shows zum Hotel fuhr, meinte ich scherzend, dass wir das nächste Mal eine Dirty Shirley-Nummer raushauen sollten. Daraufhin erzählte George, dass er das zweite Dirty Shirley-Album aufnehmen wolle, aber anstelle von Dino Jelusick nach einem neuen Sänger suche. Und dann fragte er mich doch wirklich, ob ich den Job machen wolle. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort!«, erinnert sich Casandra Carson selig lächelnd an jenen schicksalhaften Tag ihrer Karriere zurück.
Nur eine Woche später hatte sie die instrumentalen Tracks vor sich liegen. Meisterhaft komponierte Lynch-Arrangements — angesiedelt innerhalb der großen Spannweite des Hardrock, musikalisch exzellent, dabei stets fokussiert auf den Song, extrem abwechslungsreich, interessant und modern geschmiedet, zu denen Carson die passenden Gesangsmelodien und Texte finden musste. Und das mit unverrückbarer Deadline. Eine Herausforderung, die auch das Nervenkostüm der versierten Rocksängerin forderte — schließlich beinhaltet ein solches Angebot nicht nur einen immensen Vertrauensvorschuss von Lynch, sondern bedeutet auch eine einmalige Chance. Carson verließ sich auf sich, ihre Sozialisierung und die Magie des Prozesses.
»Ich liebe Georges Stil, ich liebe die Ära, der er entstammt. Mein Vater hat mich mit den Shreddern der Achtziger erzogen. Es ist großartig, ein Teil seines Schaffens sein zu dürfen. Mir gefällt an solchen Kollaborationen sehr, dass die Struktur schon steht. Zu Musik zu singen ist ganz natürlich für mich, deswegen fällt es mir leicht, Melodien zu finden«, erklärt die Sängerin. »Beim Texten ist es allerdings anders: Manchmal fallen die Worte einfach aus mir raus, manchmal kann es auch zäh werden. Jaron hat mir bei der Fertigstellung dreier Songs geholfen, weil ich zwar viele Ideen hatte, aber keine so richtig sitzen wollte. ›Stranger‹ war unsere erste Zusammenarbeit. Ich hörte mir das Lied an und hatte eine Invasion von Aliens vor meinem inneren Auge. Ich traute mich erst nicht, das aufzuschreiben, weil es so bescheuert klang, aber Jaron ermutigte mich, in diese Idee hineinzugehen. Es hat mich riesig gefreut, dass ausgerechnet dieser Song die erste Single wurde.«
George Lynch hatte seiner neuen Sängerin keinerlei Vorgaben oder Anweisungen gegeben, lediglich wohlwollendes Feedback und hier und da mögliche Verbesserungsvorschläge. So konnte Carson ihre Themenschwerpunkte frei setzen, was zu einer textlichen Spiegelung der musikalische Eklektik von Garden Of Earthly Delights — im Titel angelehnt an einen gleichnamigen Teil des berühmten Triptychons von Hieronymus Bosch — führte. Die Wortblumen im eingängigen ›Closer To Heaven‹ gehen direkt ins Herz, laut Carson ist das Stück »ein Gebet, nach dem Motto: „Bitte Gott, lass einen dieser Songs aufblühen.“ Auf dieses Lied bin ich sehr stolz. Ich bin seit über einem Jahrzehnt Musikerin, seit über fünf Jahren in Vollzeit. Ich bin aber auf der Karriereleiter immer noch ein paar Stufen von meinem Ziel entfernt. In ›Closer To Heaven‹ bete ich für einen Hit.«
Im verhext-düsteren ›Wicked Woman‹ hingegen kanalisiert Carson vergangene Beziehungen: »Das Lied gab mir richtige Hexenvibes! Also singe ich über mich selbst als wäre ich eine Dämonin. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich einige Begriffe verwendet habe, die meine Ex-Freunde über mich gesagt hatten. Ich nahm all diese Vorwürfe, die viele andere Frauen auch schon zu hören bekommen haben, und nutzte sie als Zündstoff. Ich drehte diese böse Frau, als die man mich schon oft bezeichnet hatte, quasi auf 11!«, so Carson.
Ihr wohl persönlichster Song auf dem Album ist ›Kneel Before You‹. Darauf angesprochen muss die Künstlerin schlucken, bevor sie sich ihre Worte sehr vorsichtig zurechtlegt: »Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen. Es geht darum, dass ich mir wünsche, dass mein Freund mir einen Heiratsantrag macht. Alles ist perfekt an unserer Beziehung, aber irgendwas fühlt sich nicht ganz richtig an. Es ist echt gruselig, so persönliche Texte zu schreiben, weil die Leute jetzt wissen, was Sache ist. Aber geht es nicht genau darum? Vielleicht hilft der Song anderen, ihre Gefühle zu artikulieren.« Casandra Carson bekommt an dieser Stelle des Interviews feuchte Augen und gewährt für wenige Sekunden einen tiefen Einblick in ihre Künstlerinnenseele, durch ein kleines Fenster, das George Lynch mit seiner Komposition für sie geschnitzt hat. Es ist inspirierend, dieser Frau zuzuhören, wie sie voller Emotion und Elan von diesem Projekt erzählt, das schließlich sogar auf ihren Namen getauft wurde.
»Das Label und George fanden, dass das Album nicht unter Dirty Shirley laufen sollte, weil es sich zu sehr von der ersten Platte unterschied. Also entschied George sich für den Namen Casandra’s Crossing. Ich dachte erst, das sei ein Witz!«, so Carson über diesen an einen Film aus den siebziger Jahren angelehnten Ritterschlag. Vielleicht folgt ja eine Fortsetzung dieses neuen Projekts, denn um als eine einmalige Studio-Liaison zu enden, wäre es viel zu schade. Zeit dafür hätte George Lynch immerhin, jetzt, da Lynch Mob ihre große Abschlusstour beendet haben. Auf die Zukunft von Casandra’s Crossing angesprochen, gibt sich die Namensgeberin vage, aber doch zuversichtlich: »Wenn es möglich wäre, würde ich das ganze Album gerne live spielen. Ein Nachfolger ist im Gespräch, jedoch gehört Casandra’s Crossing faktisch dem Label Frontiers. George und ich sind „hired guns“. Frontiers haben zwar schon Interesse angemeldet, doch es gibt noch keine Details. Ich bin total gespannt, was als nächstes passiert.«








