Politik und Rock’n’Roll hat die 1972 von Gitarrist und Keyboarder Jim Moginie, Bassist Andrew James und Trommler Rob Hirst noch unter dem Namen Farm gegründete Truppe nie getrennt: Mit ihrem glatzköpfigen Sänger und Jurastudenten Peter Garrett kämpfen sie im Laufe ihrer Karriere nachdrücklich für die Rechte der australischen Ureinwohner, gegen Uranbergbau oder für die Beschränkung des Walfangs — 1990 organisiert Garrett ein Protestkonzert gegen den Exxon-Konzern und seinen Umgang mit den Folgen einer Öl-Katastrophe vor Alaska, dessen Erlös Greenpeace zugutekommt.
1976 erfolgt die Umbenennung in Midnight Oil, die Martin Rotsey im Folgejahr als zweiter Gitarrist komplettiert. Früh erklärt die Band ihre Unabhängigkeit von der Musikindustrie, veröffentlich 1978 ihr selbstbetiteltes Debüt und feiert 1979 auf ihrem eigenen Label Powderworks mit ›Cold, Cold Change‹ vom zweiten Album Head Injuries einen respektablen Erfolg. Nach dem von Glyn Johns produzierten Nachfolger Place Without A Postcard unterschreibt der Fünfer schließlich doch einen Vertrag beim Branchenriesen Columbia und erweitert sein Klangspektrum auf Alben wie 10,9,8,7,6,5,4,3,2,1 oder Red Sails In The Sunset beträchtlich. Die 1985 veröffentlichte EP Species Deceases enthält das prophetische ›Progress‹ und markiert eine vorübergehende Rückkehr zu den frühen Punk-Rock-Wurzeln.
Nach einer umstrittenen Tour durch entlegene Aborigine-Gemeinden engagiert sich Garrett für die Rückführung des in den frühen sechziger Jahren vertriebenen Pintupi-Stammes. Davon inspiriert, gelingt mit ihrem erfolgreichsten Werk Diesel And Dust 1987 schließlich der weltweite Durchbruch, nicht zuletzt dank ›Beds Are Burning‹, einer der größten australischen Rock-Hymnen überhaupt. Diese und das nachfolgende Album Blue Sky Mining markieren gleichzeitig den kommerziellen Zenit, während Breathe oder Redneck Wonderland nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen können und The Real Thing 2001 nur noch in Australien erscheint. Ein Jahr später lösen sich Midnight Oil auf.
Garrett treibt sein politisches Engagement erfolgreich voran, wird als Abgeordneter ins australische Parlament gewählt und 2007 zum Minister für Kunst, Umwelt und Kulturerbe sowie 2010 zum Minister für Schulbildung, Kindheit und Jugend berufen. Ein Benefiz-Konzert für die Opfer der Tsunami-Katastrophe im indischen Ozean läutet 2005 die sehr sporadische Wiederkehr des Fünfers ein, der 2016 zu einer längerfristigen Reunion findet. Im April 2017 bricht die Gruppe zu ihrer 77 Konzerte umfassenden The Great Circle-Welttour auf und beweist, dass Midnight Oil live nach wie vor eine Urgewalt sind.
Head Injuries (1979)
Mit beweglich inszenierten Doppel-Gitarren (›Naked Flame‹), trickreichen Tempowechseln (›Profiteers‹) und treibend-effektvollen Bass-Linien (›Cold Cold Change‹) gelingt ein Quantensprung gegenüber ihrem spröden Pub-Rock-Debüt Midnight Oil. Die von Synthies verzierte Surf-Hymne ›Koala Sprint‹ und der Ska-Punk-Rocker ›Section 5 (Bus To Bondi)‹ sorgen für einen spannenden Kontrast zu soliden Riff-Hardrockern wie ›Back On The Borderline‹ und ›No Reaction‹, die sogar dezente AC/DC-Anleihen offenbaren. Ihr politisches Gewissen wird im Protestsong ›Stand In Line‹ erstmals deutlich spürbar.
Place Without A Postcard (1981)
Die geschliffenere Produktion von Glyn Johns lenkt die Punk-Energie in kontrollierte Bahnen, rohe Riffs werden von Synthesizern, weichgezeichneten Gitarren und ausgefeilten Gesangsarrangements flankiert. ›Don’t Wanna Be The One‹ (mit fröhlicher Orgel) oder das quirlige ›Written In The Heart‹ rücken ihr Übergangswerk näher an den Siebziger-Power-Pop mit New-Wave-Einflüssen der Marke Elvis Costello und weg von früheren Punk-Helden wie 999 oder den Buzzcocks. Das schleppende, karg instrumentierte, ›Armistice Day‹ geißelt die schöne, bunte, unreale TV-Welt und klingt heute ebenso aktuell, wie das wütende ›Brave Faces‹.
10,9,8,7,6,5,4,3,2,1 (1982)
Mit Produzent Nick Launay definieren die Oils das gerade angebrochene Jahrzehnt. Der synthetische Bass- und Tasten-Sound und die in der Ferne verhallenden Gitarren lassen nicht nur im kühlen Opener ›Outside World‹ an Depeche Mode oder gar Kraftwerk denken, in ›Power And The Passion‹ (mit virtuos-knappem Trommelsolo) grüßen gar Duran Duran. Mit dem Geschick, sozialkritische Texte in ein Gewand aus fast kindlich naiven Melodien zu packen, bohrt der Fünfer besonders den endlos wiederholten Refrain von ›Short Memory‹, einer unverhohlenen Kritik an der Außenpolitik der USA, mit Nachdruck in die Gehörgänge.
Red Sails In The Sunset (1984)
Zu Hause verehrt, international kaum wahrgenommen, das erlaubt ein stilistisch breites, detailverliebt produziertes Patchwork-Album. Schichten elektronischer und akustischer Klänge ertränken die sanft-einschmeichelnde Melodie von ›Sleep‹ oder das treibende ›Kosciusko‹ beinahe. Das Disco-orientierte ›When The Generals Talk‹ erinnert an den fast zeitgleich erschienenen Frankie Goes To Hollywood-Hit ›Two Tribes‹, das dramatische ›Jimmy Sharman’s Boxers‹, ein Lied über die australischen Box-Entertainer, deren „Tage dunkler sind, als eure Nächte“, wird von einem hypnotisierenden Gitarren-Thema veredelt.
Diesel And Dust (1987)
Produzent Warne Livesey kappt die Klang-Exzentrik und zimmert mit Synthesizern, Akustik- und sparsam eingesetzten E-Gitarren eine opulente, volltönende Klangwand. Auf ihrem Meisterwerk ist die textliche Schärfe geblieben, der Mega-Hit ›Beds Are Burning‹, das giftige, an REM erinnernde ›Dreamworld‹ und das hymnische ›The Dead Heart‹ verpacken ernste Anliegen subtiler, aber nicht weniger kompromisslos. ›Put Down That Weapon‹ oder die orchestrierte Ballade ›Arctic World‹ sind perfekt gedrechselte Pop-Perlen mit Öko-Botschaft, die blendend unterhalten und dennoch das sozialpolitische Bewusstsein schärfen.
Blue Sky Mining (1990)
Auf ihrem siebten Album bekennen sich Midnight Oil zu intelligent arrangiertem, treibenden Gitarren-Rock, der auf elektronische Spielereien und allzu prominenten Keyboardeinsatz verzichtet. Lieder wie ›Blue Sky Mining‹, ›Mountains Of Burma‹, ›Bedlam Bridge‹ oder ›Stars Of Warburton‹ leben von transparenten Gitarrenriffs, gedrosselten Tempi und einer wunderbaren Dynamik. Hymnische Refrains lassen den thematisch düsteren Titelsong und das zynische Anti-Kriegs-Lied ›Forgotten Years‹ noch effektiver wirken; die prophetischen Texte des eindringlichen ›River Runs Red‹ und des kühl-atmosphärischen ›Antarctica‹ belegen einmal mehr, wie weitsichtig Garrett gewesen ist.
Earth And Sun And Moon (1993)
Befürchtungen, die streitbaren Künstler wären müde geworden, sind nicht unbegründet. Die geballte Faust bleibt bei Mainstream-orientiertem Stoff wie ›My Country‹ oder ›Truganini‹ in der Tasche. Eine dominante Orgel drängt die Gitarren oft in den Hintergrund, dafür strahlt das Saiten-Duo in härteren Stücken wie ›Now Or Never Land‹ oder dem groovigen ›Bushfire‹ umso heller. Ein abgeklärt-introvertiertes Album mit langsam, aber gewaltig zündenden Liedern wie ›Renaissance Man‹ und dem Titelsong und einer zeitlosen Botschaft, die sich Umweltaktivisten gerne zu eigen machen: Sind alle Ressourcen aufgebraucht, überleben nur Erde, Sonne und Mond.
Breathe (1996)
Ihr untypischstes Werk ist gewollt schlicht und rudimentär produziert, verzichtet auf Synthies und Klangpolitur und enthält in der Country-Ballade ›Home‹ sogar ein Duett mit Sängerin Emmylou Harris. Stromreduzierte Gitarren und ein beinahe flüsternder Gesang prägen ›Underwater‹, das auf einem gewöhnungsbedürftig-spindeldürren Orgel-Bass-Gerüst balanciert, ein krachendes Schlagzeug überlagert in ›Surf’s Up Tonight‹ die übrigen Instrumente, Rumpel-Rhythmus und knarzende Gitarren zitieren in ›Common Ground‹ Neil Youngs stoische Begleiter Crazy Horse. Klingt gut, aber eben nicht nach Midnight Oil.
Redneck Wonderland (1998)
Mit Electro-Industrial-Anstrich, rostigen Gitarren und fast gesprochenen Vocals schippern ›Concrete‹ oder der ungemütlich, überproduziert und arg bemüht wirkende Titelsong im Fahrwasser von U2s Zooropa. Einzig das eingängige ›Cemetery In My Mind‹, die Beatles-Reminiszenz ›Drop In The Ocean‹ und der polternde Rocker ›White Skin Black Heart‹ erinnern an frühe Großtaten, ›Safety Chain Blues‹ gefällt immerhin noch mit einprägsamer Piano-Melodie, aber das garstige ›Blot‹ (mit Rap-Einlage) oder das monoton-konfuse ›What Goes On‹ sind wirre Totalausfälle mit unsinnigen Tempowechseln.
Capricornia (2002)
Warne Livesey reaktiviert den Diesel And Dust-Wohlklang auf ihrem vorerst letzten Album, das auf dem gleichnamigen Roman des Australiers Xavier Herbert basiert. Die Besinnung auf luftig-transparente Klänge mit vorwiegend clean-elektrischen und akustischen Gitarren funktioniert auf dem sträflich übersehenen Juwel prächtig. Nicht nur das unbedingt hitverdächtige ›Been Away Too Long‹, der energische Rocker ›Too Much Sunshine‹ und das epische ›Poets & Slaves‹ überzeugen auf ganzer Linie. Jim Moginies zwölfsaitige Byrds-Gedächtnis-Gitarre in ›Golden Age‹ ist ein Gedicht und ihr bester Song seit Langem.
The Makarrata Project (2020)
In den Achtzigern tourten Midnight Oil durchs australische Outback, auch, um dort von der Lebensweise der Ureinwohner zu lernen. Nicht selten tauschten sie dabei die elektrischen Gitarren gegen akustische und mischten sich unter die Menschen. Das Ergebnis war das australische Nummer-eins-Album Diesel And Dust, dessen anklagende Lyrics unter dem unglaublichen Schwung und der großen Melodiefülle verlorenzugehen drohten. Die Zivilisationskritik ihres Mini-Albums The Makarrata Project zu ignorieren, ist kaum möglich. Ihr erstes musikalisches Lebenszeichen seit fast zwanzig Jahren entstand unter Mitarbeit indigener Musiker wie Rapper Tasman Keith, der im hitverdächtigen ›First Nation‹ zu hören ist: Das Stück mit dem patentierten Groove aus Gitarre, Drums und dezenten Synthies hätte gut auf eine Scheibe wie Blue Sky Mining gepasst. Auch der rasselnde, von Bläsern verstärkte Rocker ›Gadigal Land‹ oder der von Piano dominierte Gospel-Folk ›Change The Date‹ unterstreichen die Wichtigkeit der Band um Frontglatze Peter Garrett, die alle Einnahmen der Platte dem Uluru Statement From The Heart spendet, einer Kampagne, die sich dem Schutz der australischen Ureinwohner widmet und von Midnight Oil seit ihrer Gründung 2017 unterstützt wird.







