Länger als gedacht haben Aerosmith für den zweiten Akt ihrer vor bereits fünf Jahren angekündigten Katalog-Aufbereitung gebraucht, die ihren Start so vielversprechend mit dem tollen Live-Album 1971: The Road Starts Hear genommen hatte und dann plötzlich ins Stocken geriet. Die nun endlich erhältliche „Legendary Edition“ ihres ersten Albums dürfte einen guten Vorgeschmack darauf geben, was von den noch folgenden Deluxe-Behandlungen ihrer Alben zu erwarten sein sollte.
Weder die Presse noch ihre Plattenfirma glaubten an Aerosmith, als diese 1973 ihre erste LP vorstellten. Der Sound auf Aerosmith ist knochentrocken und die Arrangements ziemlich simpel; zu hören sind unbedarfte Musiker voller Tatendrang, die ihre Einflüsse vor sich her tragen und zu eigenen Songs verknoten. Trotz echter Klassiker wie ›Mama Kin‹ und ›Movin’ Out‹ ist es nicht unbedingt ein typisches Aerosmith-Album, aber eben doch ein irrsinnig charmanter Startschuss auf der Schnittstelle von amerikanischem Blues und harter, englischer Gitarrenmusik (Fleetwood Mac, Yardbirds, Rolling Stones, Led Zeppelin), der eine noch längst nicht vollendete Band dokumentiert, die von der Atmosphäre und den Aufgaben im Aufnahmestudio ein ums andere Mal überfordern war. Aus all dem resultiert eine ganz besonderer Anziehungskraft und eine spezielle Aura, wie sie nur eine solche Debüt-Platte als Zeitkapsel besitzen kann. Und die man als Zuhörer womöglich eher genießt als die involvierten Musiker nach einer solch langen Zeit.
Auch Gitarrist Joe Perry hat oft moniert, auf diesem ersten Album noch nicht die Aerosmith zu hören, die er in den Jahren danach immer besser kennenlernen durfte. Dementsprechend stark sind nun seine Eingriffe in den Neu-Mix, den er gemeinsam mit Sänger Steven Tyler überwachte und nun vieles hörbar macht, was 1973 überdeckt, herausgeschnitten oder überblendet wurden. Nicht nur ›Make It‹ klingt klarer, lauter und aggressiver, in dem das Schlagzeug nicht mehr stapft, sondern beinahe so laut knallt, wie man es seit den späten Achtzigern von Aerosmith kennt. Auch die Gitarren wirken deutlich angeschärft und präsent, was die Unterscheidbarkeit von Brad Whitford und Joe Perry unterstützt und den Charakter ihrer Solo-Parts zuweilen in Richtung Peter Green, Jeremy Spencer und Danny Kirwan von Fleetwood Mac rückt. Auch neu addierte Elemente sind zu entdecken: Den Hall im kurzen Break etwa gab es im Original ebenso wenig wie das Studioraum-Palaver zu Beginn von ›Somebody‹ — oder diesen Moment nach knapp 55 Sekunden, in dem sich Whitford im Rhythmusteil der Nummer kurz aber ordentlich verspielt. Charmant.
›Dream On‹ wirkt klarer und mehrdimensional. Und ›One Way Street‹ hat zu Beginn zusätzlichen Sprechgesang von Steven Tyler spendiert bekommen. Die Bearbeitung bringt das Klavier erst richtig zur Geltung, das man im Original schon mal überhören konnte und lässt die aufgeteilte Gitarrenarbeit im Stereopanorama abermals strahlen. Die Konsequenzen sind verblüffend, und man fragt sich, ob hier womöglich sogar ein anderer Gesangstake verwendet wurde. Auch ›Movin’ Out‹ legt Sounddetails offen, die sich bislang nur erahnen ließen: So fett und offensichtlich Fuzz-verzerrt stachen Whitfords Gitarren bisher nicht hervor. Das ist spannend — aber wirklich überhaupt nicht subtil oder feinfühlig umgesetzt: Hier wurde sehr bewusst verändert und eine Illusion von einem Album und einer Band aufgebaut, die es 1973 noch nicht gab.
Essenziell ist der auf separatem Tonträger beigefügte Mitschnitt Live At Paul’s Mall, 1973, bei dem es auch ›Mother Popcorn‹ inklusive Funk-Jam mit Saxofon zu bewundern gibt. Auch die alternativen Studio-(Out-)Takes sind stark, die einmal mehr verdeutlichen, wie wenig der Remix mit jener Band zu tun hat, die seinerzeit im Studio Angst und Wasser schwitzte. Und vor allem ›Joined At The Hip (Aerojam)‹ mit latentem James Gang-Vibe: Man fühlt sich fast ein bisschen veräppelt.
Album: 8








